Sport und Freizeit, Verkehr, Zuhause

Fokusreport “Trauma und COVID – Das Unfallgeschehen während des Lockdown”

Getagged in: COVID, Kinderunfälle, Spitalsbehandlugen, Trauma, Unfälle, Unfallgeschehen

Zusammenfassung

COVID-19 ist eine durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Infektionskrankheit. Sie wurde erstmals 2019 in der Metropole Wuhan (Provinz Hubei, China) beschrieben, entwickelte sich im Januar 2020 in der Volksrepublik China zur Epidemie und breitete sich schließlich zur weltweiten COVID-19-Pandemie aus.
In Österreich tritt das Virus erstmals Ende Jänner auf, in den beiden Folgemonaten entwickelt sich der Wintertourismus zum allgemeinen Hotspot und Verbreiter der Pandemie. Ab Mitte März kommt es zu anwachsenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens und vom 16. März bis zum 13. April kam es zu einem vierwöchigen Lockdown. Diese umfassende Schließung des öffentlichen Lebens hat dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaft, das Arbeitsleben, das Bildungswesen, die Gesellschaft und den einzelnen Menschen.
Diese vorliegende Analyse zeigt die Auswirkungen von Corona und den einhergehendenSchutzmaßnahmen für die Gesundheit auf das Unfallgeschehen der steirischen Bevölkerung.
Für die Analyse wurden die Daten der steirischen Unfalldatenbank herangezogen, wobei die Gesamtbevölkerung quantitativ und die Kinder und Jugendlichen auch qualitativ betrachtet
wurden. Des Weiteren wurden Eltern mittels einer Onlineumfrage zum Unfallgeschehen ihres Kindes und der medizinischen Behandlungsart in der Phase des eigentlichen Lockdown befragt.

122.266 Personen, die nach einem Unfall in einem KAGes-Spital behandelt wurden, sind in die Analyse miteinbezogen worden. Im Jahr 2020 waren es im genannten Zeitraum N= 30.604 spitalsbehandelte Unfälle; diesen steht der Schnitt von 45.831 Unfälle der Jahre 2018 und 2019 (N= 91.662) gegenüber. Der Vergleich der Absolutzahlen zeigt den Gleichklang im Februar, den beginnenden Rückgang in den beiden ersten Märzwochen und den gewaltigen Einbruch der Unfallzahlen während des Lockdown. Man sieht in weiterer Folge aber auch deutlich die nur langsame Erholung nach Ende desselben. Eine Berechnung auf Basis der durchschnittlichen Tagesbehandlungen je Phase zeigt noch deutlicher den Einbruch der Unfallzahlen auf. Im Lockdown sehen wir einen Rückgang um 60 %. Für die Gesamtperiode können wir einen Rückgang von 382 auf 255 behandelte Unfälle
pro Tag feststellen.

Ein detaillierter Blick auf die verschiedenen Altersgruppen zeigt, dass die der 15 bis 24-Jährigen und der 25 bis 64-Jährigen am stärksten von den Bewegungseinschränkungen und somit von rückgängigen Unfallzahlen betroffen sind. Die Senior*innen ab 65 sind offenbar weniger stark von diesen Einschränkungen betroffen und haben sich auch am schnellsten wieder aus der „Schockstarre“ erholt. Eine differenzierte Betrachtung der Altersgruppen Kinder zeigt, dass vor allem die Bewegungsaltersgruppen der 5 bis 9-Jährigen und vor allem die der 10 bis 14-jährigen Kinder relativ deutlich im Lockdown und auch noch in den Folgephasen von den Bewegungseinschränkungen betroffen sind, da ihre Unfälle vor allem im Segment der Freizeitund Sportunfälle zurückgegangen sind.
Bei der Proportion der Geschlechter hat sich in den verschiedenen Phasen der Anteil „weiblich zu männlich“ nur minimal verändert.
Bei der Behandlungsart „stationär – ambulant“ haben sich die Anteile nur minimal verschoben.
Sie bewegen sich grundsätzlich bei rund 10 %.

Die qualitative Analyse der Kinderunfälle im Altersbereich von 0 bis 16 Jahre zeigt im Jahr2020 die Verlagerung der Unfallanteile zu den Jüngsten. Dies lässt sich durch die situationsbedingten Einschränkungen der Freizeit- und Sportmöglichkeiten und die deshalb geringen Unfallzahlen in diesen Unfallkategorien für die älteren Kinder und Jugendlichen
erklären.
Der stationäre Behandlungsanteil hat sich weder in den Vergleichsjahren noch in den Altersgruppen signifikant verändert und liegt bei rund 7 %. Die Schwere der Verletzung wie auch die Verletzungsmarker „Fraktur“ und „Commotio Cerebri“ sind im Jahres- und COVID-Phasenvergleich nahezu ident. Es haben offensichtlich durch die Bewegungsbeschränkungen sowohl die Bagatellunfälle wie auch die schweren Verletzungen im gleichen Verhältnis abgenommen.
Grundsätzlich kann man bei den Frakturen vor allem in der Lockdown-Phase eine leicht ansteigende Tendenz feststellen und bei den älteren Kindern und Jugendlichen einen Rückgang des Anteils von Verletzungen der unteren Extremitäten. Ein Vergleich der Unfallkategorien macht deutlich, dass Kindergarten und Schule grundsätzlich geschlossen waren, dass die Kinder weniger im Verkehr unterwegs waren, und, dass eine Sportausübung nur eingeschränkt möglich war. Umgekehrt verbrachte man – gezwungenermaßen – viel Zeit zu Hause.

Für die Zeit des Lockdown werden in einer eigenen Analyse die Behandlungsfrequenzen an der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie der letzten Jahre gegenübergestellt. Nebst dem Einbruch der Behandlungszahlen um rund 75% sticht vor allem der Rückgang des Anteils der Kontakte in der Unfallambulanz aufgrund einer ambulanten Wiederbestellung zwecks Nachkontrolle heraus. Der Rückgang des Anteils der mehrfachen ambulanten Wiederbestellung um knapp 40 % spiegelt einerseits auch hier die geringeren Unfallenergien wider, andererseits aber auch eine gewisse Reduktion von weiteren ambulanten Kontrollbesuchen durch die Eltern, wenn ihnen subjektiv die Heilungssituation des Kindes als positiv erschien.

In einer Online-Umfrage machen 273 Eltern von Kindern zwischen 0 und 14 Jahren Angaben über Unfälle während des eigentlichen Lockdown, deren Versorgungsart und über ihre eigenen Befürchtungen und Ängste zur Ansteckungsgefahr im Falle einer medizinischen Behandlung. Ein Viertel der 273 befragten Eltern von Kindern bis 14 Jahre gibt an, dass ihr Kind während des Corona-Lockdown einen Unfall erlitt, wobei 54 % medizinisch und 46 % von den Eltern selbst versorgt werden.
71 % der Eltern, welche die Verletzung zu Hause versorgen, wären auch ohne der COVID-Situation nicht zum Arzt gegangen. Unter den Eltern, die für die Versorgung des Unfalls ihres
Kindes medizinische Hilfe – fast ausschließlich das Krankenhaus – in Anspruch nehmen, haben 60 % keine Angst, sich dabei mit COVID anzustecken.
COVID hat aufgrund der Vorsorgemaßnahmen zu einem Rückgang der Unfallzahlen geführt.

Des Weiteren kam es zu einer Verlagerung der Unfälle in den Innenbereich der eigenen Wohnung und des eigenen Hauses. Wohnsituationen mit eigenem Garten waren bevorzugt, da die Kinder zumindest draußen toben konnten. Die Freizeit- und Sportunfälle gingen bei den „Bewegungsaltersgruppen“ zwischen 10 und 45 Jahren sehr stark zurück, da nicht viel an der beliebten und gewohnten sportlichen Bewegung möglich war.
Eine reine Reduktion der Sichtweise auf die Unfallzahlen und deren Rückgang während der verschiedenen Beobachtungszeiträume könnte dem Corona-Virus gegenüber also auch einen positiven Charakter in einer relativ dramatischen Gesamtsituation nahelegen. Wie sich jedoch physisch wie psychisch der Lockdown und die Beschränkungen rundherum ausgewirkt haben oder erst auswirken werden, ist gerade Gegenstand vieler Untersuchungen und Studien. Exemplarisch sei an dieser Stelle nur die unmittelbare Auswirkung der Bewegungseinschränkung, der reduzierten Sportmöglichkeit sowohl privat, wie auch in Vereinen oder in Schulen genannt: nämlich diejenige auf das angewachsene Körpergewicht des einzelnen.

Die Analyse der Besuchsfrequenzen im Krankenhaus zeigt, dass man im Falle einer zweiten Welle in der Kommunikation von ärztlicher Seite genauer zwischen einem Kommen bei persönlichem Bedarf und einem Kommen zur unbedingten Verlaufskontrolle unterschieden werden muss. Corona hat auch gezeigt, dass sich Eltern mit ihren Kindern unter normalen Umständen schneller in ein Krankenhaus zur medizinischen Abklärung begeben als während dieser Ausnahmesituation. Bagatellverletzungen wurden in der Lockdown-Phase offensichtlich doch nicht zu übertrieben wahrgenommen und man vertraute scheinbar wieder vermehrt der Eigenkompetenz.