Verkehr

Fokusreport „Mopedfahren – Was tun mit der Moped-Mobilität?“

Getagged in: Moped, Mopedausbildung, Mopedführerschein, Mopedunfälle

Jeder zweite Mopedunfall passiert gleich nach der Führerschein-Ausbildung

 

Ab Mai/Juni häufen sich die Unfälle bei 15- und 16-jährigen Mopedlenkern. 90 % sind Einzelstürze, gut ein Drittel der jungen Mopedfahrer verletzt sich schwer. Alarmierend: Jeder zweite Sturz ereignet sich innerhalb der ersten beiden Monate nach der Führerschein-Prüfung. Daher lässt gerade der coronabedingte Nachholbedarf in den Fahrschulen in den nächsten Monaten einen Anstieg der Mopedunfälle erwarten. Der Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE setzt sich für eine Ausweitung der Fahrpraxis in der Moped-Ausbildung ein. Auch Radfahrtraining und Simulationen, bei denen Jugendliche brenzlige Situationen real erleben könnten, hätten einen guten Effekt.

 

Im Fokusreport „Mopedfahren – Was tun mit der Moped-Mobilität?“ hat sich das Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE zusammen mit der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz mit Mopedunfällen Jugendlicher und Präventionsmaßnahmen beschäftigt.

 

7 von 10 tödlichen Unfällen passieren bei 15-16-Jährigen mit dem Moped

„Im langjährigen Schnitt verunfallen in Österreich 2.610 Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren mit ihrem Moped im Straßenverkehr – acht davon tödlich. 71 % aller tödlich verunglückten 15- bis 16-Jährigen kommen mit dem Moped ums Leben. Viele der Einzelstürze werden gar nicht von der Polizei aufgenommen und fließen somit nicht in die offizielle Statistik ein“, so Studienautor Dr. Peter Spitzer vom Forschungszentrum für Kinderunfälle. Jeder zweite Unfall geschieht bereits innerhalb der ersten zwei Monate nach Erwerb des Führerscheins – bis sechs Monate danach passieren 80 % der Erststürze.

„Von 450 Jugendlichen, die bei der Onlinebefragung im Zuge der Studie im Besitz des Mopedführerscheins waren, hatte bereits die Hälfte mindestens einen Unfall erlitten. 23 % der verunfallten Jugendlichen waren sogar schon mehrmals gestürzt. Interessant war, dass die „Crashpiloten“, also die Mehrfachverunfaller, deutlich häufiger angaben, dass das Ausmaß der praktischen Übungen im Zuge der Führerscheinausbildung zu viel gewesen sei und dass die Mopedausbildung generell unnötig sei“, betont Spitzer.

 

Mädchen und Burschen verunfallen gleich oft, Burschen verletzten sich aber öfter schwer

Am Universitätsklinikum für Kinder- und Jugendchirurgie Graz werden pro Jahr rd. 240 Moped-Unfallopfer zwischen 15 und 16 Jahren behandelt. 76 % werden ambulant, 21 % stationär und 3 % auf der Intensivstation versorgt. Univ.-Prof. Dr. Holger Till, Klinikvorstand und Präsident von GROSSE SCHÜTZEN KLEINE: „Mit 34,5 % ist mehr als jede dritte Verletzung medizinisch als schwer zu beurteilen. Zumeist handelte es sich um Verletzungen der Beine und Füße (56 %), gefolgt von Armen und Händen (20 %). Kopf und Halswirbelsäule sind nur zu rund 14 % von einer Verletzung betroffen – hier zeigt sich also doch sehr gut die Schutzwirkung des Helmes“. Die Verletzungsanteile bei beiden Geschlechtern sind zwar fast gleich hoch, Buben verletzten sich allerdings häufiger schwer.

 

Verletzungsrisiko mit Moped 20x höher als mit Auto und 4x höher als mit Motorrad

Pro Jahr machen rd. 36.000 Personen den Mopedführerschein. Jeder vierte 15-Jährige ist im Besitz der Lenkerberechtigung AM. Fast alle befragten Jugendlichen haben den Führerschein mit 15 Jahren gemacht und auch beim ersten Mal bestanden. 60 % der Mopedfahrer in diesem Alter sind Burschen, 40 % Mädchen. Der Besitz eines Mopedführerscheins ist vor allem in Großstädten erwartungsgemäß nicht von übergroßer Bedeutung. Das Moped selbst als ein „must have“ ist vor allem für Burschen wichtig.

Verglichen mit Autofahrern haben Mopedfahrer ein zwanzigfach höheres Risiko auf ihrer Fahrt verletzt zu werden und verunfallen sogar bis zu viermal häufiger als Motorradfahrer. Alters- und erfahrungsbedingt reduziert sich das Risiko für schwere und tödliche Verkehrsunfälle bei motorisierten Zweiradfahrern – so hat ein 16-Jähriger nur mehr ein halb so hohes Risiko einen Mopedunfall zu erleiden wie ein 15-Jähriger.

 

„Blöder Zufall war schuld“: Eigene Fahrkenntnisse werden überschätzt

42 % der befragten verunfallten Jugendlichen führten die Unfallursache auf eine nicht angepasste Geschwindigkeit zurück. Vor allem Maßnahmen gegen diese Unfallursache ließen sich im praktischen Ausbildungsteil mit speziellen Geschicklichkeitsübungen (Bremsübung, Fahrverhalten des Mopeds – auch mit Mitfahrer) intensiv und effektiv üben. Spitzer gibt zu bedenken: „Mehr als 90 % der Mädchen und Burschen gaben in der Befragung an, sich als sehr gute bzw. gute Mopedfahrer zu sehen, die Verkehrsregeln ausreichend zu kennen und im Straßenverkehr ein gutes Gefühl zu haben. Der „blöde Zufall“ wurde dementsprechend von 43 % der Befragten für den Unfall verantwortlich gemacht. Da jedoch jeder zweite Jugendliche bereits einen Unfall hatte, dürfte die Selbsteinschätzung doch eine eindeutige Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und somit eine gewisse Realitätsferne darstellen“.

 

Schutzausrüstung wird nur selten getragen

Auf Schutzausrüstung legen die meisten Jugendlichen nur mäßig Wert. Der gesetzlich vorgeschriebene Helm wird fast immer verwendet. Handschuhe wurden hingegen nur selten, Mopedjacke und Nierengurt fast nie getragen. T-Shirt und kurze Hose sind im Sommer hoch im Kurs. Nur etwas mehr als jeder zweite Jugendliche glaubt, dass seine Eltern Wert darauf legen, dass er/sie eine Schutzausrüstung trägt.

 

Die Hälfte der Mopeds ist getunt

Knapp zwei Drittel der Burschen und ein Drittel der Mädchen sind dem Tuning im Sinne einer illegalen Erhöhung der Geschwindigkeit nicht abgeneigt. 47% der Mopeds sind getunt – bei einem Drittel war dies schon beim (v.a. gebrauchten) Kauf so. 70 % der Eltern, die davon wissen, treten nicht dagegen auf. Moped-Tuning alleine kann jedoch nicht mit einer größeren Unfallhäufigkeit in Zusammenhang gebracht werden. Auch bei den Anteilen von unverletzt bis zur Spitalsbehandlung waren keine markanten Unterschiede zwischen getunt und nicht getunt festzustellen. Spitzer: „Persönlichkeitsmerkmale wie etwa Risikobereitschaft erhöhen aber natürlich sowohl die Tuning- als auch die Unfallwahrscheinlichkeit. Für viele wahrscheinlich überraschend: Burschen, die getunt haben, haben weitaus häufiger einen eigenen Fehler als Hauptunfallursache angegeben als alle anderen. Es scheint also so zu sein, dass Tuner sehr wohl ihre Handlung als „gesetzeswidrig“ ansehen und erkennen, und sich somit einen größeren Anteil an Eigenfehlern eingestehen“.

 

Wer gut Radfahren kann, kann besser Mopedfahren

Das Motorfahrrad leitet sich vom Fahrrad ab, was bedeutet, dass sich gute Radfahrkenntnisse positiv auf die Mopedbeherrschung und das Unfallgeschehen auswirken müssten. Aus diesem Grund wurde auch ein Selbsteinschätzungsteil fürs Fahrradfahren in die Umfrage eingefügt. Mangelnde Radfahrskills spiegeln sich auch in mangelnden Mopedskills und in der Häufigkeit der Unfälle wider. „Wir konnten in dieser Analyse klar aufzeigen, dass das Radfahren unmittelbar mit einem sicheren Mopedfahren zusammenhängt. Folgerichtig kann man nur empfehlen, dass Radfahren an sich eine sicherheitsfördernde Maßnahme für das Mopedfahren darstellt. Ein aktives Radfahrtraining als Einstieg in die Mopedprüfung macht Sinn. Wer überhaupt nicht Radfahren kann, wird auch das Moped fahrtechnisch nicht beherrschen“, betont Till.

 

Unfallzahlen weiter senken mit Fahrpraxis und Simulation

Ein Vergleich des Verlaufes der Unfallzahlen und der eingeleiteten Maßnahmen in den letzten 16 Jahren zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen einem Rückgang der Unfälle und der Einführung von verpflichtenden praktischen Übungen im Schonraum und im Straßenverkehr. „Daraus lässt sich sehr klar ableiten, dass weitere effektive Maßnahmen nur solche sein können, die sich an die Fahrpraxis richten. Eine mehr oder weniger begleitete und reflektierte Praxisausfahrt im Verkehr im Rahmen der aktuellen Ausbildung ist zu wenig. Es bedarf eines schlüssigen und logisch aufbauenden Konzepts der Verkehrs-, Sicherheits- und Risikoerziehung von der Volksschule bis hin zum Führerschein B. Die Ausbildung zum Mopedführerschein ist grundsätzlich zu billig und zu kurz. Gerade für die 15-Jährigen ist eine vertiefende Ausbildung der Risikokompetenz wichtig. Im Gegenzug sollte die inhaltliche Verknüpfung mit dem Führerschein B verbessert werden, sodass die Mehrkosten beim Mopedführerschein durch Modulerlässe beim Führerschein B wieder (teilweise) kompensiert werden könnten“, regt Spitzer an.

Internationale Studien zeigen außerdem auf, dass simulatorische Konzepte einen sehr guten Effekt auf die Jugendlichen haben – beispielsweise ein Moped mit Stützen, um die Seitenlage, das Kurvenfahren auf verschiedenen Untergründen, das Schleudern etc. besser tatsächlich erleben zu können.