Verkehr

Ablenkung als Unfallfaktor Nummer 1 – Fokusreport 2021

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Zusammenfassung

Unaufmerksamkeit und Ablenkung sind vielfach Ursachen für Unfälle und Verletzungen. Dies betrifft nicht nur den Straßenverkehr, auch im Sport, bei Freizeitaktivitäten und im Haushalt ist eine uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit, auf die „Sache“, unumgänglich. Die Umgebung hält sowohl optische als auch akustische Reize bereit, die unsere Aufmerksamkeit fordern und letztlich auch abschweifen lassen.

Eine aktive Teilnahme am Straßenverkehr, ob als Kraftfahrer*in, Fahrradfahrer*in oder Fußgänger*in, erfordert jederzeit die volle Konzentration auf das Verkehrsgeschehen. Eine kurze Unaufmerksamkeit kann unter Umständen nicht nur zu gefährlichen Verkehrssituationen oder riskanten Fahrmanövern, sondern auch zu schlimmen Unfällen führen.

Etwa 90 Prozent der Informationen aus unserer Umwelt nehmen wir als Momentaufnahmen über unsere Augen wahr. Ohne diese Bilder sind wir praktisch im „Blindflug“ unterwegs. Auch akustische Reize helfen uns beim Orientieren im Straßenverkehr.

 

Ablenkung betrifft allerdings nicht nur den Fahrer*in eines Fahrzeugs, der sich durch interne oder externe Einflussfaktoren ablenken lässt. Auch Fußgänger*innen und Radfahrer*innen sind von Ablenkung betroffen, die das Risiko eines Verkehrsunfalls erhöhen können.

Generell ist Ablenkung nicht gleich Unaufmerksamkeit, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied. Unaufmerksamkeit ist in der Regel intrinsisch motiviert, d.h. von der Person selbst ausgehend, wohingegen Ablenkung durch äußere Faktoren wie z.B. Lärm entstehen kann.

 

Typischerweise zollen wir Menschen großen, farbigen Reizen, die sich vielleicht auch noch bewegen, mehr Beachtung. Die Aufmerksamkeit eines Kindes oder Jugendlichen wird nicht immer auf das in der aktuellen Verkehrssituation „wichtige“ Element gelenkt, sondern unterliegt Störungen und Ablenkungen, die durch die aktuelle Interessenslage und Gefühlsstimmung beeinflusst werden.

Aufmerksamkeit ist keine Fähigkeit, die Kinder a priori mit in die Welt bringen, sondern ein Reifungsprozess und eine Haltung, die sie beim Spielen und in der Schule lernen.

Konzentration ist nur ein Teilbereich von Aufmerksamkeit. Konzentriert ist, wer sich über einen längeren Zeitraum auf eine begrenzte Aufgabe oder einen Gegenstand fokussieren kann.

Wurde von einer „Sache“ die Aufmerksamkeit erregt, kommt es zu einer Phase der Konzentration, in der sich eine Person mit der „interessanten Sache“ beschäftigen. Dies muss jedoch im Sinne der Verkehrssicherheit nicht die akute Gefahrensituation sein.

Kognitive Flexibilität und Inhibition sind wichtige Bestandteile unseres exekutiven Systems bzw. der kognitiven Kontrolle. Die kognitive Flexibilität ermöglicht den Fokus der Aufmerksamkeit zu wechseln, sich schnell auf neue Situationen einzustellen und verschiedene Perspektiven einzunehmen. Inhibition wiederum ist die Fähigkeit, spontane Impulse, also Ablenkungen zu unterdrücken, Aufmerksamkeit willentlich zu lenken und Störreize auszublenden.

 

In der österreichischen Verkehrs-Unfalldatenbank UDM sind für die Jahre 2018 und 2019
154.911 Datenzeilen vorhanden. Diese beinhalten alle an einem Verkehrsunfall beteiligten Personen. Eine Eingrenzung auf verletzte und getötete Personen führt zu einer gefilterten Datenbasis von 92.505 Fällen. Diese gliedern sich in 91.670 verletzte und 835 getötete Personen.

Für die Steiermark sind in der Statistik insgesamt 13.838 verletzte und getötete Personen in diesem Zeitraum ausgewiesen.

 

Da mitfahrende Personen in einem PKW, in einem öffentlichen Verkehrsmittel oder auf einem Moped der lenkenden Person letztlich ausgeliefert sind, wurde die Datenbasis für die Analyse des Faktors „Unaufmerksamkeit, Ablenkung“ auf die aktiven Verkehrsteilnehmer eingeschränkt. Am gesamten Verkehrsunfallgeschehen waren somit 75.468 (81,6 %) aktive Verkehrsteilnehmer*innen (Lenker und Fußgänger) und 17.037 (18,4 %) passive (Mitfahrer, Insassen) beteiligt.

 

In der UDM sind zwölf Faktoren in der Variablen der vermuteten Hauptunfallursache möglich. In unserer vorliegenden Analyse ist der Fokus auf „Unachtsamkeit, Ablenkung“ gelegt.

Für Österreich beträgt der Faktor „Unachtsamkeit, Ablenkung“ bei den aktiven Unfallbeteiligten 33,8 %, für die Steiermark ist dieser mit 30,8 % etwas niedriger.

Der Wert „Unachtsamkeit, Ablenkung“ ist beim vermutlichen Hauptunfallverursacher mit
37,1 % weitaus höher als beim Betroffenen mit 30,4 %.

Unfälle im Ortsgebiet (Unfallanteil von 60,9 %) und im Freiland unterscheiden sich mit einem Anteil von 33,3 % zu 34,6 % bei „Unachtsamkeit, Ablenkung“ nur geringfügig. Bei den Straßenarten ist der Ablenkungsanteil bei der Autobahn mit rund 38 % am größten. Offensichtlich verleitet die großzügige Straßenanlage und eher monotone Fahrsituation zu einer Unterschätzung der notwendig darzubietenden Achtsamkeit.

Eine Analyse der Fortbewegungsart zeigt, dass die Radfahrer*innen die größten Ablenkungsanteile aufweisen. Die vermeintlich einfache Art der Fortbewegung und Routine bedingen offensichtlich ein Abschweifen der Gedanken und Aufmerksamkeit.

Bei den Fußgänger*innen sehen wir sehr große Unachtsamkeitswerte beim sogenannten Unfallopfer. Und hier liegt auch das große Potential der Verkehrssicherheit, wobei jedoch die Fußgänger*innen insgesamt „mitspielen“ müssen. Denn der Fußgänger*in ist in punkto Übersicht und aufgrund des langsamen Fortbewegungstempos eindeutig im Vorteil.

Die Gruppe Scooter weist einerseits hohe Ablenkungsanteile auf, andererseits ist auch das durchschnittliche Unfallalter in einem Bereich, wo Entwicklung und mangelnde Verkehrsroutine eindeutig in das Unfallgeschehen hineinspielen. Dasselbe trifft auch auf die Gruppe Moped zu.

Eine reduzierte Betrachtung nur auf den sogenannten Hauptunfallverursacher macht deutlich, dass es beim Einstieg in die mobile Verkehrsteilnahme durch Überforderung und mangelndem Risikobewusstsein plus Unterschätzung der Komplexität zu großen Problemen kommt, wenn es gilt, die Aufmerksamkeit der Verkehrssituation zu widmen und nicht sich selbst und seinem „Kampf“ mit dem Fortbewegungsgerät, welche aufgrund der motorisierten Fortbewegung bei Moped und Pkw mit dem Tempo die Ausübenden überraschen und überfordern.

Mangelnde Routine mit dem Gerät, mit Verkehr und noch immer auch mit sich selbst in den Teenagerjahren sind schwankende Fundamente, welche die Verkehrssicherheit nicht stabil stützen können.

 

Bei einem Verkehrsunfall wurden in den Jahren 2018 und 2019 insgesamt 5.628 Kinder im Alter bis zum 14. Lebensjahr verletzt oder getötet. Knapp die Hälfte davon war aktiv im Straßenverkehr unterwegs (n=2.671). Der Werte bei „Unachtsamkeit, Ablenkung“ liegt bei
34,7 %, was aufgrund des kindlichen Alters und des noch nicht abgeschlossenen Entwicklungsprozesses nicht überrascht.

 

Auf dem Schulweg der 6 bis 15-jährigen Kinder und Jugendlichen verunfallten in Österreich in den Jahren 2018 und 2019 insgesamt 1.190 Personen. Eine Differenzierung und Reduktion auf die aktive Verkehrsteilnahme umfasst letztendlich 940 im Straßenverkehr auf dem Schulweg verletzte und getötete Schulkinder. Der Wert „Unachtsamkeit, Ablenkung“ ist beim Schülerunfall mit 28,7 % um fast zehn Prozentpunkte niedriger als beim allgemeinen Verkehrsunfall dieser Altersgruppe.

Eine Ursache für diesen niedrigen Wert beim Schülerunfall könnte die Tatsache sein, dass gerade in der Früh eine erhöhte Aufmerksamkeit bei den motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen vorhanden ist, und, dass um die Schulen mit Tempo 30 auch eine fehlerverzeihende Verkehrsumgebung mit kurzem Anhalteweg vorhanden ist. Zusätzlich ist die Exposition im Verkehr durch „Zubringerdienste“ – sei es mit Öffis, sei mit Elterntaxi – nur kurz.

Bei rund der Hälfte der Schulwegunfälle liegt die vermutete Hauptunfallursache beim Kind selbst. Hier sind vor allem die Kategorien „Fehlverhalten des Kindes als Fußgänger“ und

„Vorrangverletzung“ – beides machen in Summe rund 50 % aus – vorzufinden.

Ist das Schulkind bei einem Unfall nicht der Hauptunfallverursacher, so ist die vermutete Hauptunfallursache zu rund 50 % eine Vorrangverletzung (auch gegenüber einem Fußgänger). Unachtsamkeit sind bei beiden Gruppen in ähnlich hohem Anteil vorhanden.

 

Die Analyse der Unfalldatenbank der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz in den Jahren 2015 bis 2020 führte nur wenigen Patient*innen zu einem Treffer. Insgesamt konnte in 61 Fällen eine Übereinstimmung mit unserem Suchkriterium erzielt werden. Die n-Zahl ist an der Klinik letztendlich sehr klein und spiegelt bei Weitem nicht die gesamte Dimension wider. Dennoch lässt sich aus den Zahlen ein absehbarer Trend ableiten, nämlich, dass die Problematik bei Kindern und Jugendlichen von Jahr zu Jahr größer wird. Es haben sich also die Zahlen binnen drei Jahren verdoppelt.

Als Konsequenz aus dem Vorfall führte die Variable „Unfallkategorie“ zu 44 % zu einem Unfall und zu mehr als der Hälfte der Fälle zu einer Verletzung. In einer groben Kategorisierung findet sich das Handy als unfallverursachendes oder verletzungsverursachendes Objekt in vier von fünf Fällen.

In acht Fällen wurde die Ablenkung nicht näher beschrieben. In sieben Fällen führte diese Ablenkung zur Verletzung der abgelenkten Person selbst.

Die Ablenkung einer Aufsichtsperson betraf in den drei Fällen immer Säuglinge.

Der Suchbegriff „Handy“ führte zu 49 Treffern in unserer Datenbank, die letztendlich in einer breiten Art von Verletzungen involviert waren. 13mal war das Handy Ursache für Überlastungsschmerzen in den Fingern oder verursachte eine schmerzhafte Sehnenscheidenentzündung aufgrund exzessiver Verwendung. Auffällig in dieser Kategorie ist, dass in 12 Fällen Mädchen betroffen waren. In 16 Fällen (44,4 %) war das Handy die Ursache für den Unfall mit nachfolgender Verletzung, in 20 Fällen war das Handy für die Verletzung ursächlich.

 

Bei der Fülle von Informationen, die wir im Straßenverkehr aufnehmen und verarbeiten müssen, läuft das Gehirn ständig auf Hochtouren. Allerdings sind sowohl seine Aufnahmekapazität als auch seine Leistungsfähigkeit begrenzt: Unter optimalen Bedingungen können wir maximal 7 bis 8 Sachverhalte gleichzeitig erfassen und auswerten. Ein Überangebot erzeugt Stress und das Gehirn trifft eine Auswahl. Und diese Auswahl ist zufällig und nicht hierarchisch reduziert auf Unfallgefahren und Verletzungsrisiken. Bei Kindern kommt noch erschwerend hinzu, dass ein Bewusstsein für Sicherheit und Risiko erst mit und nach der Pubertät ausgebildet ist.

Die Mehrheit der Unfälle wird durch Fahrfehler verursacht, wie Unaufmerksamkeit und nicht angepasste Geschwindigkeit sowie durch Unerfahrenheit, Müdigkeit oder Alkoholeinfluss. Deshalb braucht es ein stärkeres Sicherheitsbewusstsein bei den Lenker*innen. Auch bei ausreichender Fahrerfahrung und voller Fahrtüchtigkeit lassen sich Fahrfehler nicht gänzlich ausschließen. Deshalb sollte eine Straßenanlage möglichst so beschaffen sein, dass Fahrfehler keine schwerwiegenden Folgen haben (Prinzip der fehlerverzeihenden Straße).

 

Eine fehlerverzeihende Verkehrsinfrastruktur ist die Basis für eine Verbesserung der Verkehrssicherheit, eine fehlerverzeihende und somit fehlerkompensierende Aufmerksamkeit ermöglicht dahingehend jedoch erst den Durchbruch. Denn nicht nur die sogenannten Hauptunfallverursacher sind zu einem Drittel vor einem Crash unaufmerksam oder abgelenkt, sondern auch die sogenannten Nicht-Hauptunfallverursacher, also die Unfallopfer, sind es ebenso. Daher liegt in einer Verkehrslandschaft mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit bei beiden Unfallbeteiligten noch ein großes Potential für die Verkehrssicherheit.

 

Ganz gleich, ob wir als Auto-, Motorrad- oder Fahrradfahrer*in oder als Fußgänger*in unterwegs sind: Unsere Aufmerksamkeit im Straßenverkehr ist jederzeit gefordert.