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Projekt „Augen auf die Straße – Trittsicher unterwegs“ soll Kinderunfälle in und mit Öffis vermeiden helfen

"Trittsicher unterwegs": Verkehrssicherheit im Turnsaal fördern.

Pressemitteilung – 7. März 2022

 

Im Fokusreport „Das Unfallgeschehen mit Bus und Bim“ hat das Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE mit Unterstützung des Verkehrsressorts des Landes Steiermark Unfälle, bei denen ein Bus oder eine Straßenbahn beteiligt waren, ausgewertet und analysiert – besonders detailliert die Kinder- und Jugendunfälle. Auf diesen Erkenntnissen basierend wurde das Projekt „Augen auf die Straße – Trittsicher unterwegs“ entwickelt. Mit speziellen Übungen können Pädagog:innen Turn- und Verkehrserziehungs-Unterricht kombinieren und so mit Spiel & Spaß Trittsicherheit, Koordinationsfähigkeiten und Verkehrskompetenz ihrer Schüler:innen fördern.

 

„Mit unserem Erfolgsprojekt ‚Augen auf die Straße‘ versuchen wir seit vielen Jahren die Verkehrssicherheit in der Steiermark zu erhöhen. Dazu gehören zahlreiche Aktionen wie innovative Kampagnen auf Social-Media und spielerische Theatervorführungen in Volksschulen, die vor allem Kinder und Jugendliche auf die Gefahren im Straßenverkehr aufmerksam machen sollen. Viel zu viele vermeidbare Unfälle passieren aufgrund von Ablenkung, weshalb wir bei diesem Thema einen besonderen Schwerpunkt legen. Der Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE ist für das Land Steiermark mittlerweile ein wichtiger Partner im Bereich der Verkehrssicherheit. Ich danke allen Beteiligten sehr herzlich für diese Initiative. Als großer Befürworter des öffentlichen Verkehrs ist es für mich besonders erfreulich, dass mit dem Projekt ‚Trittsicher unterwegs‘ unsere Kinder für eine sichere Fahrt mit Bus und Bim gerüstet sind“, sagt Landeshauptmann-Stv. Anton Lang.

Für den Fokusreport „Das Unfallgeschehen mit Bus und Bim“ hat das Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE die Verkehrsunfallstatistik Österreich der Jahre 2018 und 2019 analysiert. Daneben wurde auch die Unfalldatenbank der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz durchforstet.

Für 2018 und 2019 sind in der österreichischen Verkehrsunfallstatistik UDM insgesamt 1.859 Unfälle aller Altersgruppen ausgewiesen, bei denen ein Linienbus (69 %) oder eine Straßenbahn (31 %) beteiligt war. Im selben Zeitraum kam es in Österreich zu 72.582 Verkehrsunfällen mit Personenschäden. Somit waren bei 2,5 % aller Verkehrsunfälle mit Personenschaden öffentliche Verkehrsmittel beteiligt.

 

Meist Stürze im Öffi; schwere Verletzungen bei Rad- und Mopedfahrer:innen

Die Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels zählt allgemein zu den sichersten Möglichkeiten um von A nach B zu kommen. Vor allem im innerstädtischen Raum sind schwere oder gar tödliche Verletzungen für Mitfahrer:innen von Linienbussen oder Straßenbahnen selten. Für ungeschützte Verkehrsteilnehmer:innen, vor allem für Fahrrad- und Mopedlenker:innen, stellt hingegen die Größe der öffentlichen Verkehrsmittel eine entsprechende Gefahr für schwere Verletzungen dar. „Jede zweite Person, die beim Öffi-Unfallgeschehen verletzt wurde, kam als Mitfahrer:in im öffentlichen Verkehrsmittel zu Schaden. Im Falle eines Unfalls mit einem Öffi sind es vor allem die ungeschützten Verkehrsteilnehmer:innen, welche schwere Verletzungen erleiden. Liegt dieser Anteil bei den Öffi-Mitfahrer:innen bei rund 10 %, so sind es bei den ungeschützten Verkehrsteilnehmer:innen rund 25 %“, so Dr. Peter Spitzer vom Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE.

Das relative Risiko für eine schwere oder tödliche Verletzung ist bei an Bus- und Straßenbahnunfällen beteiligten Fußgänger:innen nur halb so groß wie beim „allgemeinen Fußgängerunfall“ im Verkehr, bei Radfahrer:innen ist das Risiko für eine schwere oder tödliche Verletzung bei einem Bus- oder Bim-Unfall jedoch gleich 10 mal so hoch wie beim „allgemeinen Radfahrunfall“ im Straßenverkehr.

Bei einem Drittel der Unfälle wurde das öffentliche Verkehrsmittel als vermutlicher Hauptunfallverursacher in der Statistik verzeichnet. Spitzer: „Beim Unfall mit Fußgänger:innen sehen wir ebenso wie bei Radfahrer:innen diese zu zwei Drittel in der Verursacherrolle. Beim Mopedunfall weist die Statistik eine ausgeglichene Situation aus.“

An rd. 19 % der 1.859 Bus- und Bim-Unfälle waren Fußgänger:innen beteiligt, an 7 % Radfahrer:innen. Bei den Fußgänger:innen wurde zu 66 % „Regelverstoß“, zu 6 % „Ablenkung“ als Hauptunfallursache angegeben, bei Radfahrer:innen zu 50 % „Regelverstoß“ und zu 11 % „Ablenkung“. „Die Zahlen zeigen, dass gerade im großstädtischen Raum, sowohl in der schulischen Verkehrserziehung als auch in den Fahrschulen, ein zusätzlicher Schwerpunkt notwendig ist, um mit dem Wissen über die ‚besonderen‘ Vorrangregeln für öffentliche Verkehrsmittel und deren ‚Verhalten‘ die Verkehrssicherheit in diesem Bereich zu erhöhen“, betont Spitzer.

 

Kinder und Jugendliche: Knochenbrüche und Kopfverletzungen

Die Analyse der Unfalldatenbank der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz der Jahre 2015 bis 2020 brachte 203 Fälle zu Tage, wo Kinder und Jugendliche (0-17 J.) als Benutzer:innen eines öffentlichen Verkehrsmittels verletzt wurden.

Betrachtet man die Unfallmonate, so zeigen sich die Gipfel in den Monaten März, September und Oktober – also zu Schulbeginn sowie nach den Semesterferien.

Univ.-Prof. Dr. Holger Till, Präsident des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und Vorstand der Grazer Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie weiß: „Von den 203 Kindern und Jugendlichen, die bei uns in den Jahren 2015 bis 2020 behandelt wurden, waren letztlich 15 % medizinisch schwer verletzt: Davon erlitten 70 % Knochenbrüche, welche zum Großteil die oberen Extremitäten betrafen. Es handelt sich hier um die typische reflexartige Auffangreaktion bei einem Sturz mit Knochenbruch aufgrund der großen Unfallenergie.“ Mit 23 % wurden des Weiteren hauptsächlich Schädel-Hirn-Traumata diagnostiziert. Generell betrafen auffällig viele Verletzungen (38 %) den Kopfbereich.

 

Unfallursachen: Schlechte Standposition, kein Festhalten, Aufmerksamkeit beim Handy

Der Großteil der Unfälle (60 %) ereignet sich beim Fahren einer scharfen Kurve oder beim abrupten Bremsen. Spitzer erklärt: „Eine schlechte Standposition, kein Anhalten oder die aufs Texten gerichtete Aufmerksamkeit führt in solchen Situationen zum unvermittelten und für die Person überraschenden Sturz.“ An zweiter Stelle liegen mit 25 % das Stolpern oder Stürzen beim Ein- und hauptsächlich Aussteigen. Diese Verletzungen beim Ein- und Aussteigen betreffen deutlich häufiger die älteren Kinder und Jugendlichen – eine typische Ablenkung durch das Handy scheint häufig vorzuliegen. Das Stürzen bei Kurven und Bremsmanövern betrifft die Jüngsten – hier finden wir große Anteile durch Stürzen der Trageperson oder Umstürzen des Kinderwagens. Sich durch eine sich schließende Türe Drängen verletzt die Volksschüler:innen am häufigsten. Eine in diesem Alter auch entwicklungsbedingt noch vorhandene Trittunsicherheit mündet durch den Stoß der Türe, auch wenn diese eine Schließsicherung hat und sich wieder öffnet, häufig in einen Sturz.

 

Prävention: auf Ablenkung verzichten, Haltegriffe nutzen, Vorrang von Öffis bewusstmachen

Daraus lassen sich wichtige Präventionsansätze ableiten: Gerade für die Momente des Ein- und Aussteigens sollte man dringend auf die Ablenkung durchs Handy verzichten und nicht drängeln. Auch Haltegriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln gilt es dringend zu benützen. Oftmals unterschätzen Passagiere die Kräfte die allein bei (Not-)Bremsungen und Kurven wirken. Mit dem Kinderwagen sollte man besonders auf die Sicherung und Aufstellung dessen im Öffi achten. Um Stürze beim – manchmal doch recht ruckartigen – Anfahren zu vermeiden, geht hier auch ein Appell ans Feingefühl der Fahrzeuglenker:innen. In der Verkehrserziehung von Kindern ist vor allem der Vorrang des Schienenfahrzeuges zu besprechen. Hinein-/Hinausquetschen sollte dringend unterlassen werden. Um Bushaltestellen sicherer zu gestalten, wären außerdem markierte Einfahrtsbereiche wünschenswert.

 

Projekt „Trittsicher unterwegs“: Im Turnsaal Bus- und Bim-Unfällen spielerisch vorbeugen

„Etwa jede dritte Verletzung eines Kindes oder Jugendlichen ist auf einen Sturz beim Gehen oder Laufen zurückzuführen. Ein Drittel der Verkehrsunfälle passiert durch Ablenkung. In Öffis wird jede dritte Verletzung durch einen alleinigen Sturz verursacht, vor allem bei Kurven und Bremsmanövern.

Körperkontrolle, Gangstabilität und Gleichgewicht sind deshalb wesentliche Faktoren für eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr. Das Schulprojekt „Augen auf die Straße – Trittsicher unterwegs!“ unterstützt das gemeinsame Vorhaben des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und des Landes Steiermark, die Unfallzahlen in und um öffentliche Verkehrsmittel zu senken“, betont Spitzer.

Die Projektunterlagen werden allen steirischen Pädagog:innen der 1. bis 6. Schulstufe nun in Form von Kurzvideos, eines Projekthandbuchs sowie eines Übungsposters fürs Klassenzimmer auf der E-Learning-Plattform des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE (www.grosse-schuetzen-kleine.at/e-learning) zur Verfügung gestellt. Sie beinhalten spielerische Übungen, mit denen Turn- und Verkehrssicherheitsunterricht kombiniert werden können: Von der „Rushhour“ über den „Fluglotsen“ und den „Bahnschranken“ bis hin zur „Scootermania“ werden Trittsicherheit, Balance sowie Koordinations- und Reaktionsfähigkeiten der Schüler:innen für komplexe Verkehrssituationen ganz nebenbei gefördert.

„Wenn wir dadurch nur einem Kind einen schweren Unfall mit Bus und Bim ersparen können, hat sich unsere Arbeit an diesem Projekt schon mehr als gelohnt“, so Till abschließend.

 

Zu den Projektvideos

Hier finden Sie alle Übungsvideos sowie das Projekthandbuch und das Projektpost für die Klasse.