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Kinderunfälle im Straßenverkehr: Ablenkung durch Smartphone & Co. ist Unfallursache Nummer 1

v.l.n.r.: Spitzer, Till, Fanninger (GsK), Knauer-Lukas, Lang (Land Stmk) bei der Pressekonferenz "Augen auf die Straße, fertig, los!"

Pressemitteilung – 17. Mai 2021


Rund ein Drittel aller Unfälle im Straßenverkehr, auch der Kinderunfälle, ist in Österreich auf Ablenkung und Unachtsamkeit – allen voran durch das Smartphone – zurückzuführen. Anlässlich der UN Global Road Safety Week wollen der Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und das Verkehrsressort des Landes Steiermark das Bewusstsein für die „Todesfalle Ablenkung“ in der Bevölkerung schärfen. Um bereits bei den Kindern anzusetzen, wurde das Schulprojekt „Augen auf die Straße, fertig, los!“ entwickelt. Aber auch im Sport, in der Freizeit und im Haushalt passieren durch das Handy ebenso schwere wie kuriose Unfälle. Das zeigt eine Unfallanalyse durch die Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz.

 

Im Fokusreport „Ablenkung als Unfallfaktor Nummer 1“ hat der Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE Risiken, Unfallhergänge und Unfallzahlen aus der Verkehrsunfalldatenbank UDM der Jahre 2018 und 2019 sowie aus der Unfalldatenbank der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie ab 2015 analysiert und daraus entscheidende Präventionsmaßnahmen abgeleitet.

 

Ein Drittel der Verkehrsunfälle durch Ablenkung und Unachtsamkeit

In Österreich verunfallen jährlich rd. 46.000 Menschen im Straßenverkehr. Das zeigt die Verkehrs-Unfalldatenbank UDM. 34 % dieser Unfälle sind auf Unachtsamkeit und Ablenkung zurückzuführen. In der Steiermark ist dieser Anteil mit 30 % etwas niedriger. Etwa 120 Personen müssen durch die „Todesfalle Ablenkung“ österreichweit jährlich ihr Leben lassen, darunter 15 in der Steiermark. Landesverkehrsreferent LH-Stv. Anton Lang betont: „Das Unfallrisiko ist beim Texten während des Autofahrens etwa 6-fach erhöht. Beim Telefonieren ist die Aufmerksamkeit des Lenkers ähnlich stark eingeschränkt wie mit einem Blutalkohol-Wert von 0,8 Promille – auch die Freisprecheinrichtung ändert wenig daran. Anlässlich der UN Global Road Safety Week ist es uns vom Verkehrsressort ein besonderes Anliegen, gemeinsam mit dem Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE auf die verheerenden Auswirkungen von Ablenkung aufmerksam zu machen und durch Bewusstseinsbildung, u.a. mit unserem Schulprojekt „Augen auf die Straße, fertig, los!“, schon bei den Kindern und Jugendlichen möglichst effektiv mit der Präventionsarbeit anzusetzen“.

 

Bei Kinderunfällen zeigt sich ein ähnliches Bild – außer am Schulweg

Jährlich verunfallen in Österreich etwa 4.660 Kinder auf der Straße. Eine Einschränkung auf deren aktive Verkehrsteilnahme umfasst letztlich rd. 2.580 im Straßenverkehr verletzte und getötete Kinder. Auch hier wird als Ursache in etwa einem Drittel der Fälle „Unachtsamkeit/Ablenkung“ angegeben. Die 10-14-Jährigen (41%) und die 15-16-Jährigen (44 %) sind erwartungsgemäß am häufigsten abgelenkt. Betrachtet man beide Geschlechter, so kann man keine gravierenden Unterschiede bei der Häufigkeit der Ablenkung als Unfallursache feststellen – das gilt ebenso für die Erwachsenen. Explizit auf dem Schulweg verunfallen in Österreich jährlich an die 600 Kinder und Jugendliche. Dr. Peter Spitzer vom Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE: „Eine Differenzierung und Reduktion auf die aktive Verkehrsteilnahme umfasst letztlich 470 auf dem Schulweg verletzte und getötete Schüler. Dabei ist der Wert bei „Unachtsamkeit/Ablenkung“ bei den steirischen Schülern mit 18,5 % um zehn Prozentpunkte niedriger als im österreichischen Durchschnitt und um fast 15 Prozentpunkte geringer als beim „allgemeinen Kinderunfall im Straßenverkehr“. Eine Ursache dafür könnte sein, dass gerade in der Früh eine erhöhte Aufmerksamkeit bei den motorisierten Verkehrsteilnehmern vorhanden ist. Auch, dass um die Schulen mit Tempo 30 eine „fehlerverzeihende Verkehrsumgebung“ mit relativ kurzen Anhaltewegen vorhanden ist, spielt natürlich mit. Zusätzlich sind viele Schüler durch „Zubringerdienste“ – sei es mit den Öffis oder mit dem „Elterntaxi“ – nur kurz aktiv im Straßenverkehr unterwegs.

 

Großes Unfallvermeidungspotenzial bei Unfallverursachern wie auch bei Unfallopfern

Die nachfolgenden Fakten beziehen sich nun speziell auf die Steiermark. Interessant: Bei weitem nicht nur Hauptunfallverursacher (34 %), sondern auch 25 % der Nichthauptunfallverursacher sind zum Zeitpunkt des Unfalls abgelenkt. Großes Unfallvermeidungspotential besteht also in vielen Fällen auch beim Unfallgegner. Ist dieser aufmerksam und widersteht er Ablenkungen, kann auch er dazu beitragen, den Fehler des anderen „auszumerzen“ und so den Unfall bzw. einen schlimmen Ausgang gerade noch zu verhindern.

Etwa 90 Prozent der Informationen aus unserer Umwelt nehmen wir als Momentaufnahmen über unsere Augen wahr. Ohne diese Bilder sind wir praktisch im „Blindflug“ unterwegs. Auch akustische Reize helfen uns beim Orientieren im Straßenverkehr. „Unter optimalen Bedingungen können wir maximal sieben bis acht Sachverhalte gleichzeitig erfassen und auswerten. Ein Überangebot erzeugt Stress und das Gehirn trifft eine Auswahl. Und diese Auswahl ist zufällig und nicht hierarchisch reduziert auf Unfallgefahren und Verletzungsrisiken. Typischerweise zollen wir Menschen großen, farbigen Reizen, die sich vielleicht auch noch bewegen, mehr Beachtung. Gerade Kinder bis Ende Volksschulalter sind aber aufgrund der psychomotorischen Entwicklung nur sehr eingeschränkt in der Lage, die Verkehrssituation richtig einzuschätzen. Deshalb liegt die größte Verantwortung selbstverständlich bei den Erwachsenen“ betont Univ.-Prof. Dr. Holger Till, Präsident des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und Vorstand der Grazer Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie. Ab etwa neun, zehn Jahren kann und soll Kindern und Jugendlichen aber durchaus noch intensiver veranschaulicht werden, wie viel sie selbst zu ihrer Sicherheit im Straßenverkehr beitragen können.

Betrachtet man die Art der Verkehrsteilnahme, zeigen sich weitere interessante Fakten: So spielt der Faktor Ablenkung bei Radfahrern mit über 40 % die größte Rolle, gefolgt von Mopedlenkern (36 %), Scooter-Fahrern (34 %), Fußgängern (33 %) und Pkw-Lenkern (30 %). „Bei den Fußgängern sehen wir sehr große Unachtsamkeitswerte beim sogenannten Unfallopfer. Und hier liegt auch ein großes Potential der Verkehrssicherheit, wobei jedoch die Fußgänger natürlich insgesamt „mitspielen“ müssen. Denn dieser ist in puncto Übersicht und aufgrund des langsamen Fortbewegungstempos eindeutig im Vorteil“, gibt Spitzer zu bedenken. Die Scooter-Fahrer weisen einerseits hohe Ablenkungsanteile auf, andererseits ist auch das durchschnittliche Unfallalter in einem Bereich, wo Entwicklung und mangelnde Verkehrsroutine eindeutig in das Unfallgeschehen hineinspielen. Dasselbe trifft auch auf die Gruppe Moped zu. Spitzer: „Eine reduzierte Betrachtung des sogenannten Hauptunfallverursachers macht deutlich, dass es beim Einstieg in die mobile Verkehrsteilnahme in der Pubertät bzw. im Jugendalter durch Überforderung und mangelndes Risikobewusstsein plus Unterschätzung der Komplexität zu großen Problemen kommt. Nämlich, wenn es gilt, die Aufmerksamkeit der Verkehrssituation zu widmen und nicht sich selbst und seinem „Kampf“ mit dem Fortbewegungsgerät, welche aufgrund der motorisierten Fortbewegung bei Moped und Pkw durch das ungewohnte Tempo die Ausübenden durchaus überraschen und überfordern kann“.

 

Gegen Masten gelaufen, Mopedsturz durch „Handyauffangversuch“

In der Datenbank der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie wurden exemplarisch 27 Unfälle genauer untersucht bei denen das Schlagwort „Ablenkung“ zu finden war. In 17 Fällen wurde diese Ablenkung durch das Handy verursacht. Insgesamt spielte Ablenkung vor allem bei Mopedunfällen sowie beim Gehen (Stürzen, Anprall durch die Ablenkung) eine Rolle.

12 der 17 Unfälle, bei denen das Handy für die Ablenkung ursächlich war, passierten beim Gehen (gegen Masten oder Wand gerannt, Sturz), zwei beim Mopedfahren (Sturz durch Auffangversuch des Smartphones, Navi-Funktion des Handys während des Fahrens bedient). Till betont: „Diese Daten spiegeln natürlich bei Weitem nicht die gesamte Problematik der Ablenkung durch Handy & Co. bei Kindern und Jugendlichen wider. Dennoch lassen unsere Unfallzahlen der letzten Jahre einen eindeutigen und kontinuierlichen „Trend“ nach oben erkennen“. Durchschnittlich waren die Unfallopfer knapp zwölf Jahre alt. Burschen und Mädchen waren gleich häufig betroffen. Rd. 20 % zogen sich schwere Verletzungen zu, meist Frakturen.

 

Projekt „Augen auf die Straße, fertig, los!“: Blended Learning für Schüler von 7 bis 12 Jahren

Kinder gehen im Grunde davon aus, dass Autofahrer sie jederzeit sehen. Um sie auf diesen fatalen Irrtum aufmerksam zu machen, haben das Verkehrsressort des Landes Steiermark und GROSSE SCHÜTZEN KLEINE das Projekt „Augen auf die Straße, fertig, los! – Gib der Ablenkung keine Chance“ entwickelt. Hier dreht sich alles um Fragen wie „Wie erkenne ich als Kind bzw. als Autolenker, ob der jeweils andere Verkehrsteilnehmer mich bzw. mein Verhalten überhaupt wahrnimmt?, „Wie erleben Kinder den Verkehr, wenn sie zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Scooter unterwegs sind?“, „Was macht es mit mir, wenn ich im Straßenverkehr mit Kopfhörern laut Musik höre?“ etc. Den Kindern wird vermittelt, wie sie sich im Zweifelsfall verhalten sollen: nämlich defensiv. Das heißt z.B., dass der Zebrastreifen erst betreten werden darf, wenn sich das Kind durch Blickkontakt davon überzeugt hat, dass der Autofahrer auch tatsächlich stehenbleibt. GROSSE SCHÜTZEN KLEINE-Mitarbeiter führen das Projekt für die 2.-6. Schulstufe vor Ort durch. „Um das Projekt coronatauglich zu machen, stellen wir den Schulen nun auch ergänzende Inhalte in unserem Online Klassenzimmer zur Verfügung. Mittels einprägsamer Übungen, Kurzvideos, Rätseln und Spielen für Augen und Ohren lernen die Schüler wie essentiell Achtsamkeit und Konzentration im Straßenverkehr sind“, erklärt Elisabeth Fanninger vom Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE. Die Online-Unterrichtsplattform steht Volksschulen, Mittelschulen und Gymnasien (Unterstufe) kostenfrei zur Verfügung: www.grosse-schuetzen-kleine.at/e-learning.

 

Grundlegende Tipps: „Fehlerverzeihende Aufmerksamkeit“ als beste Präventionsmaßnahme

Eine fehlerverzeihende Verkehrsinfrastruktur ist die Basis für eine Verbesserung der Verkehrssicherheit, eine fehlerverzeihende und somit fehlerkompensierende Aufmerksamkeit ermöglicht dahingehend jedoch erst den Durchbruch. Denn nicht nur die sogenannten Hauptunfallverursacher sind oftmals vor einem Crash unaufmerksam oder abgelenkt, sondern auch die sogenannten Nicht-Hauptunfallverursacher, also die Unfallopfer. Daher liegt in einer Verkehrslandschaft mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit bei beiden Unfallbeteiligten noch ein großes Potential für die Verkehrssicherheit.

  • Bewusstmachen der Gefahr durch die Nutzung des Smartphones oder Earpods
  • Vermeiden von Zeitdruck, denn unter Druck steigt das Risiko von Ablenkungen enorm an.
  • Die Gedanken bleiben bei der Fahrt bzw. bei der Verkehrssituation und schweifen nicht ab.
  • Verkehr im Blick behalten – das gilt immer
  • In der Fußgänger-Gruppe vor dem Überqueren einer Straße das Gespräch unterbrechen.
  • In einer Gruppe nicht „lemmingartig“ dem anderen folgen, sondern selbst die Verkehrssituation beurteilen.
  • Multitasking vermeiden – am Steuer, zu Fuß, auf dem Fahrrad und Moped
  • Wenn während der Fahrt etwas Wichtiges zu tun scheint: kurz anhalten.
  • Handy in der Tasche lassen – egal, wie lang man unterwegs ist.
  • Navi vor der Fahrt programmieren
  • Touchscreens haben keine haptische Orientierung, daher ist der Blick unweigerlich beim Bedienen auf diesen gerichtet.

Neugierig geworden?

Hier geht's zum Schulprojekt "Augen auf die Straße, fertig, los!"