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Kinder- und Jugendunfälle im Corona-Jahr 2020 deutlich zurückgegangen

Die Unfälle sind zurückgegangen - doch der "Jubelschrei" bleibt ob der massiven Corona-Auswirkungen aus

Pressemitteilung – 10. Mai 2021


„Die Unfallzahlen der Kinder und Jugendlichen sind im letzten Jahr um 30 % zurückgegangen – die tödlichen gar um rd. 50 % (Anm.: offizielle Zahl tödlich verunfallter Kinder von Statistik Austria noch ausständig). Doch der „Jubelschrei“ bleibt aus, denn durch die coronabedingten Einschränkungen sind auch massive Einschränkungen auf Bewegungsverhalten, Koordinationsfähigkeiten und die allgemeine körperliche sowie psychische Gesundheit der jüngsten Generation zu erwarten“, so die Kernaussage des Fokusreports „Trauma und COVID19 – Das Unfallgeschehen im Jahr 2020 in einer außergewöhnlichen Zeit“ des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz.

 

Dr. Peter Spitzer und Univ.-Prof. Dr. Holger Till haben alle Unfälle der steirischen Bevölkerung und im Detail die Gruppe der 0-19-Jährigen Steirer seit dem ersten Lockdown im März 2020 umfassend analysiert und dabei gravierende Veränderungen gegenüber den Jahren vor der Pandemie festgestellt. Am stärksten von den coronabedingten Einschränkungen waren die Kinder und Jugendlichen betroffen. Bei ihnen war durch das Homeschooling und durch das faktische Verbot vieler Freizeit- und Sportarten der massivste Einschnitt zu verzeichnen.

Für die qualitative Analyse der Unfälle wurden 41.570 Kinder und Jugendliche der Altersgruppe 0 bis 19 Jahre miteinbezogen, welche zwischen Jänner 2018 und Februar 2021 an der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz behandelt wurden.

 

Tödliche Kinder- und Jugendunfälle um rd. 50 % zurückgegangen, nicht-tödliche um 30 %

Die erfreulichen Fakten zuerst: Die Zahl der tödlich verunfallten Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahre hat sich von 20-25 in den Vorjahren auf etwa 10 im Jahr 2020 halbiert (Anm.: offizielle Statistik Austria-Daten noch ausständig). Die tödlichen Verkehrsunfälle gingen gar um fast 80 % zurück, kein Kind oder Jugendlicher verstarb durch einen Unfall am Schulweg.

Bei den nicht-tödlichen Unfällen zeigte sich ein Rückgang um 30 % seit dem ersten Lockdown im März 2020. „Betrachtet man die verschiedenen Altersgruppen, so sieht man deutlich, dass die Kleinsten (0-4 J.) von den Einschränkungen im Sport- und Freizeitbereich am wenigsten betroffen waren, die Älteren (10-14 J.) hingegen am stärksten. Damit lässt sich auch die unterschiedlich stark ausgeprägte Reduktion der Unfallzahlen von knapp 17 % bei den 0-4-Jährigen und 43 % bei den 10-14-Jährigen erklären“, betont Dr. Peter Spitzer, Leiter des Forschungszentrums für Kinderunfälle beim Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE. Die Geschlechtsverteilung der Unfallopfer weist 58 % Burschen- und 42 % Mädchenanteil aus und hat sich damit auch durch Corona kaum verändert.

 

Anteil schwerer Verletzungen und stationärer Aufnahmen „etwas“ gestiegen

„Der Anteil der schweren Verletzungen ist von 29 % auf 34 % etwas angestiegen. Wir behandelten vor allem mehr Knochenbrüche (von 20,4 % auf 23,4 % gestiegen) und leichte Schädel-Hirn-Traumata (von 3,4 % auf 4,5 % gestiegen)“, so Univ.-Prof. Dr. Holger Till, Präsident des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und Vorstand der Grazer Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie.

Die Veränderungen bei den Verletzungsarten zeigen auch entsprechende Auswirkungen auf die Verteilung der verletzten Körperregionen: So sind Kopfverletzungen auf 34,4 % (+3,2) und Verletzungen an Armen und Händen auf 34,5 % (+1,1) gestiegen, während der Anteil der Verletzungen an Beinen und Füßen auf 24,2 % (-3,5) gesunken ist. Mit 9 % mussten etwas mehr Kinder und Jugendliche stationär behandelt werden als vor Corona (8 %).

„Trotz der phasenweisen Unsicherheit über die Erreichbarkeit der Klinik (Einfahrtsbeschränkungen, Kontrollen, Cov-Tests) und die Angst vor möglichen Infektionen zeigen die Patientenzahlen, dass sowohl sogenannte „Bagatellabklärungen“, aber besonders schwere Verletzungen zu jeder Phase der Pandemie zeitgerecht und exzellent versorgt werden konnten“, interpretiert Till diese Fakten.

 

Unfälle hauptsächlich auf das Zuhause verlagert

Differenziert man die Unfallkategorien während des ersten Lockdowns im März 2020 nach Altersgruppen, so sieht man, dass der Unfall im eigenen Zuhause bei allen Altersgruppen über der 50 %-Marke lag. Der Schulunfall ging in allen relevanten Gruppen gegen 0 %. Der Spiel-/Sportunfall brach anteilsmäßig bei den älteren Kindern und Jugendlichen vollends ein.

Betrachtet man hingegen das ganze COVID-Jahr, so verkleinern sich so manche Peaks.

Till: „Generell jedoch lassen sich die Verschiebungen in Richtung Unfälle zu Hause und eine Reduktion bei den Freizeit-/Sportunfällen und v.a. Schulunfällen erkennen. Den größten proportionalen Zuwachs bei den Unfällen zu Hause erreichten die 10 bis 14-Jährigen auf 48,3 % (+18,8); den absolut höchsten Wert hatten die Jüngsten mit 80,9 %. Der Verkehrsunfall erfuhr nur geringe proportionale Veränderungen und blieb bei den Jugendlichen, wo ja das Moped eine zentrale Rolle spielt, mit 16 % auf einem hohen Niveau“.

 

Coronajahr 2020: Positiv für Unfallzahlen, negativ für allgemeine Gesundheitsfaktoren

Spitzer betont abschließend: „Die hohe Reduktion der Unfälle an sich würde uns Unfallverhüter ja zu entsprechenden Jubelrufen verführen, wenn sie im Sinne eines Erfolges auf Präventionsprojekte zurückzuführen wäre. Leider ist dem nicht so, denn der Rückgang der Freizeit- und Sportunfälle liegt ja an einer situationsbedingten und teilweisen Unmöglichkeit ihrer Ausübung während Corona. Die Verlagerung der Bewegungsmöglichkeit in Haus und Garten führte dort auch zu einem anteilsmäßigen Anstieg, so zum Beispiel bei den Trampolinunfällen. Da jedoch die Unfall- und Verletzungsenergie bei Fortbewegungen auf ebener Erde und mit den eigenen Füßen eher gering und für einen menschlichen Körper aushalt- und überstehbar ist, ging die Gesamtzahl der unfallbedingten Verletzungen, welche im Spital medizinisch abgeklärt werden mussten, zurück“.

Till ergänzt: „Unser „weinendes Auge“ betrifft die „sozialen“ Auswirkungen des ersten Jahres der Pandemie auf Sport, Spaß und Fitness, die immer auch einen Schutz vor Unfällen bedeuten: Vereinssport, Schulsport, Freizeitaktivitäten in der Gruppe/Mannschaft – alles war, wenn überhaupt, nur eingeschränkt möglich. Und somit gibt es durch das ungewöhnliche Jahr 2020 einerseits positive Auswirkungen auf das Unfallgeschehen, andererseits aber auch negative Impulse auf die vielfältigen Aspekte der Gesundheit der jungen Generation – aus Sicht der Unfallprävention sind hier beispielhaft Bewegungsmangel und abnehmende Koordinationsfähigkeiten zu nennen“.

Den gesamten Report

„Trauma und COVID19 – Das Unfallgeschehen im Jahr 2020 in einer außergewöhnlichen Zeit“