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Corona-Lockdown: Massive Auswirkungen auf Unfallgeschehen und Spitalsbehandlungen

Credit: Pixabay

Pressemitteilung – 4. August 2020


Der Fokusreport „Trauma und COVID – Das Unfallgeschehen während des Lockdown“ des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz zeigt: Die medizinischen Behandlungen nach einem Unfall gingen während des Lockdowns in den steirischen Spitälern um 60 % zurück.

In ihrem Fokusreport haben Holger Till, Peter Spitzer und Georg Singer vom Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz die Auswirkungen der coronabedingten Bewegungs- und Mobilitätsbeschränkungen auf das Unfallgeschehen der steirischen Bevölkerung analysiert. Dafür wurde die Steirische Unfalldatenbank herangezogen. Die Kinderunfälle betrachtete man besonders detailliert. Des Weiteren wurden Eltern zum Unfallgeschehen ihres Kindes und der medizinischen Behandlungsart in der Phase des akuten Lockdowns zwischen Mitte März und Mitte April befragt.

 

Insgesamt 60 % weniger Unfallbehandlungen; kaum Sport- und Freizeitverletzungen behandelt

122.266 Personen, die nach einem Unfall in einem KAGes-Spital behandelt wurden, wurden in die Analyse miteinbezogen. Im Jahr 2020 gab es zwischen Februar und Mai 30.604 spitalsbehandelte Unfälle; diesen steht der weitaus höhere Schnitt von 45.831 Unfälle der Jahre 2018 und 2019 gegenüber. „Der Vergleich der Absolutzahlen zeigt den Gleichklang im Februar, den beginnenden Rückgang in den beiden ersten Märzwochen und den gewaltigen Einbruch der Unfallzahlen während des Lockdown. Man sieht in weiterer Folge aber auch deutlich den nur langsamen Anstieg nach Ende der akuten Lockdown-Phase Mitte April. Eine Berechnung auf Basis der durchschnittlichen Tagesbehandlungen je Phase macht den Einbruch der Unfallzahlen noch deutlicher sichtbar. Im Lockdown nahmen die Unfallzahlen um 60 % ab. Für die Gesamtperiode konnten wir einen Rückgang von 382 auf 255 behandelte Unfälle pro Tag feststellen. Ein detaillierter Blick auf die verschiedenen Altersgruppen zeigt, dass die 15 bis 24-Jährigen und die 25 bis 64-Jährigen erwartungsgemäß wohl am stärksten von den coronabedingten Einschränkungen im Sport- und Freizeitbereich betroffen waren – denn Sport- und Freizeitverletzungen wurden kaum spitalsbehandelt“, so Dr. Peter Spitzer, Leiter des Forschungszentrums des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE.

 

Kinderunfälle: Dreiviertel weniger Spitalsbehandlungen, 40 % weniger ambulante Kontrollbesuche

Die Analyse der Kinderunfälle im Altersbereich von 0 bis 16 Jahren zeigt im Jahr 2020 die Verlagerung der Unfallanteile zu den Jüngsten. „Dies lässt sich wiederum durch die situationsbedingten Einschränkungen der Freizeit- und Sportmöglichkeiten und die deshalb geringen Unfallzahlen in diesen Unfallkategorien für die älteren Kinder und Jugendlichen erklären“, so Spitzer.
Der stationäre Behandlungsanteil hat sich weder in den Vergleichsjahren noch in den Altersgruppen signifikant verändert und liegt bei rund 7 %. Auch die Schwere der Verletzung wie auch die Verletzungsmarker „Knochenbruch“ und „Gehirnerschütterung“ sind im Jahres- und COVID-Phasenvergleich nahezu identisch. Es haben offensichtlich durch die Bewegungsbeschränkungen sowohl die Bagatellunfälle wie auch die schweren Verletzungen im gleichen Verhältnis abgenommen.

 

Für die Analyse der eigentlichen Lockdown-Phase (Mitte März bis Mitte April) wurden auch die Behandlungsfrequenzen an der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie denen der letzten Jahre gegenübergestellt. Univ.-Prof. Dr. Holger Till, Präsident des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und Vorstand der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie betont: „Die Schwere einer Verletzung ist abhängig von der Größe der Unfallenergie, die auf den kindlichen Körper einwirkt. Viele Aktivitätsbereiche waren während des Lockdown für Kinder kaum bis gar nicht zugänglich. Dies bewirkte, dass an der Kinder- und Jugendchirurgie die der Behandlungszahlen um rund 75 % eingebrochen sind. Auch konnten wir einen Rückgang des Anteils bei ambulanten Wiederbestellungen und Verlaufskontrollen um knapp 40 % feststellen. Dies spiegelt offensichtlich die Unsicherheit bis Angst der Eltern in dieser Akutsituation wider, ob man wirklich nochmals ins Spital gehen soll. Daher ist es umso wichtiger, dass bei Unfallpatienten in der Kommunikation von ärztlicher Seite auf die Wichtigkeit der Verlaufs- und Heilungskontrolle hingewiesen wird“.

 

Umfrage zu Kinderunfällen: Angst vor Ansteckung im Krankenhaus

In einer zusätzlichen Online-Umfrage machten 273 Eltern von Kindern zwischen 0 und 14 Jahren Angaben über Unfälle während des eigentlichen Lockdown, deren Versorgungsart und über ihre eigenen Befürchtungen und Ängste zur Ansteckungsgefahr im Falle einer medizinischen Behandlung. Ein Viertel der 273 befragten Eltern von Kindern bis 14 Jahre gab an, dass ihr Kind während des Corona-Lockdown einen Unfall erlitt, wobei 54 % medizinisch und 46 % von den Eltern selbst versorgt wurden. 30 % der Eltern, welche die Verletzung zu Hause versorgten, wären ohne der COVID-Situation zum Arzt oder ins Spital gegangen. Unter den Eltern, die für die Versorgung des Unfalls ihres Kindes medizinische Hilfe – fast ausschließlich das Krankenhaus – in Anspruch nehmen, hatten 40 % Angst, sich dabei mit COVID anzustecken.

Den gesamten Fokusreport „Trauma und COVID – Das Unfallgeschehen während des Lockdown“ finden Sie