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Wie Produktsicherheit schwere und tödliche Kinderunfälle vermeiden kann

Pressemitteilung – 26. Februar 2018

Jährlich müssen in Österreich rd. 20 Kinder infolge eines Unfalls ihr junges Leben lassen. In steirischen Krankenhäusern werden pro Jahr 32.000 Kinder nach einem Unfall medizinisch behandelt – rund ein Drittel davon aufgrund schwerer Verletzungen. Der Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE hat mit Unterstützung des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz analysiert, wie die Produktsicherheit zur Vermeidung schwerer und tödlicher Kinderunfälle beitragen kann – und was Eltern tun können, um ihr Kind zu schützen.

„Welche Ursachen bzw. Produkte liegen schweren und tödlichen Verletzungen bei Kindern zugrunde und was kann die Produktsicherheit tun, um diese Unfälle vermeiden zu helfen?“ Dieser Frage gingen Dr. Peter Spitzer und Univ.-Prof. Dr. Holger Till vom Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE in einem Fokusreport nach. Betrachtet wurden zum einen tödliche Unfälle in Österreich im Zeitraum 2007 – 2016 über die detailliert medial berichtet wurde, zum anderen schwere Verletzungen, die in der Steirischen Unfalldatenbank „Styrian Injury Surveillance System“ vom Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE in den Jahren 2014 – 2016 erfasst wurden.

„Unfallverzeihendes“ Design, Kombi-Angebote und Coolness-Faktor

„Unsere Analysen zeigen klar auf, wo und wie die Schwerpunkte in der Unfallvermeidung zu gestalten sind. Bei den Jüngsten kann nur der Erwachsene das Umfeld entwicklungsadäquat gestalten. Hier ist es sehr wichtig, dass die Produktsicherheit Tücken eines Objekts am besten schon im Vorfeld im Sinne einer Risikobeurteilung entschärft. Vor allem die Produkte die zu Hause verwendet werden benötigen ein „unfallverzeihendes“ Design. Denn nur so kann bspw. ein Sturz gegen eine Tischkante mit einer kleinen Beule statt mit einer Platzwunde enden“, so Spitzer.

Eine wichtige Aufgabe der Produktsicherheit ist auch die Förderung des Sicherheitsbewusstseins von Produktanbietern v.a. im Sportbereich, so dass zum Sportgerät gleich die passende Schutzausrüstung mitangeboten wird. So gab es mit dem Aufkommen der Gartentrampoline zuerst kaum Kombi-Angebote aus Trampolin und Netz. Heute findet man fast nur noch solche Sets.

Außerdem ist der Kontakt zum Sportmarketing und in den Gesundheitsbereich wichtig, damit ein Sport nur mit Schutzausrüstung richtig „cool“ wird. Diese Problematik kennt Till als Vorstand der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz nur zu gut: „Das beste Beispiel ist wohl der Schihelm, der mittlerweile einfach dazu gehört, während der Radhelm v.a. von älteren Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen immer noch gerne weggelassen wird“.

Und welcher Teenager würde Sportschuhe oder eine Jacke kaufen und selbst Reflektoren aufkleben? Diese müssen schon Teil des Gesamtproduktes sein.

Unfallprävention = Mix aus Produktsicherheit, Umfeld und Verhalten

Gerade in Österreich sind Sicherheitsnormen und Gesetze ein zentraler Bestandteil zum Schutz eines Menschen, weshalb die technische Prävention nicht mehr der zentrale Ansatz für Unfallvermeidung sein wird. Vielfach ist das Verhalten des Kindes und/oder des Erwachsenen der sinnvollste Anknüpfungspunkt für die Kindersicherheitsarbeit. Abhängig von der Unfallkategorie variiert natürlich der Vermeidungsansatz. „Das Aufpassen der Erwachsenen kann sehr gut durch Technik (Bsp. Gurt beim Hochstuhl) unterstützt werden. Ein „sicheres“ Verhalten der Kinder ist sehr oft von Alter und Entwicklungsstand abhängig. Dies gilt es als Erwachsener richtig einzuschätzen, um dem Kind einerseits Raum für eigene Erfahrungen und Weiterentwicklung zu lassen, es andererseits aber vor Gefahren zu bewahren, die es noch nicht selbst einschätzen kann“, betont Spitzer. Mit zunehmendem Alter entfernen sich Kinder naturgemäß vom Zuhause und die Unfälle geschehen in Bereichen, wo eine entsprechende Sicherheitserziehung durch die Eltern schon vorher gegriffen haben sollte. Hinzu kommt, dass sich ältere Kinder und Jugendliche natürlich immer wieder ganz bewusst risikoreich verhalten.

Beim Sport sind die passende Schutzausrüstung, ein sicheres Sportgerät, die persönliche Fitness und das richtige Erlernen der Sportart wichtige Faktoren um Unfälle zu vermeiden bzw. Verletzungen abzumildern. Als Erwachsener sollte man Kindern außerdem erklären, dass Hunde und Pferde keine „Kuscheltiere“ sind, wie es in beliebten Büchern und Filmen oftmals dargestellt wird und dass im Fußball „taff“ nicht bedeutet, dass man jeden Zweikampf um jeden Preis gewinnen muss.

Unfallprävention wirkt

In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Anzahl der tödlichen Kinderunfälle in Österreich massiv zurückgegangen. Verstarben im Jahr 1996 noch 100 Kinder an einem Unfall, waren es 2016 „nur“ mehr 15. Dieser enorme Rückgang ist sowohl auf intensive Präventionsarbeit, technische Maßnahmen und Standards (Autokindersitz, Helm etc.) sowie auf eine bessere medizinische Versorgungskette (Notarztsystem, Hubschrauberversorgung) zurückzuführen. „Es werden nicht alle Unfälle mit tödlichen oder schweren Verletzungen zu verhindern sein. Es wird immer spezielle Einzelsituationen geben, in denen alles Negative zusammengekommen ist. Dennoch sind viele, je nach Unfallkategorie bis zu 50%, der Verletzungen vermeidbar oder zumindest in der Schwere reduzierbar“, so Till.

Was Eltern sonst noch tun können, um ihr Kind vor schweren Unfällen zu schützen:

  • Sich im Kleinkindalter nicht von plötzlichen Fähigkeiten des Kindes überraschen lassen;
  • Sicherheitstechnische Hilfsmaßnahmen ergreifen/verwenden (Herdschutzgitter, versperrbare Fenstergriffe, sorgfältig ausgewählter Autokindersitz, Sporthelm,…);
  • Erkennen, dass sie mit ihrem Verhalten ein Vorbild für ihr Kind sind;
  • Darauf achten, dass die Aktivität den Entwicklungsstatus des Kindes nicht überfordert;
  • Eine „Sicherheitskultur“ im eigenen Zuhause (im Kleinkind-/Volksschulalter) wirkt nachhaltig;

Beim Sport darauf schauen, dass

  • eine Sportart entsprechend geübt wird;
  • aufgewärmt wird;
  • eine mögliche Schutzausrüstung auch verwendet wird. Denn ein Unfall beim Ausprobieren einer Sportart – sehr oft ohne Schutzausrüstung – verdirbt Kindern wie Eltern diese Sportart und wirkt sich somit u.a. kontraproduktiv auf Bewegungsmangel und Übergewicht aus.