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Tödlicher Unfall mit Fahrradanhänger: Dennoch ist der Transport eine sichere Sache

Fahrradanhänger sind - wenn man einige Tipps beachtet - eine sichere Sache. Bild: Markus Distelrath auf Pixabay

Pressemitteilung – 8. August 2019

Die Mitnahme von Kindern am Fahrrad bzw. in einem Fahrradanhänger ist grundsätzlich ein sicherer Transport. Die Ausgestaltung der Sitze bzw. Sitzwannen, die Verwendung der Gurtsysteme und des Helms minimieren das Verletzungsrisiko sehr stark. Dennoch ist es natürlich nicht möglich, jegliche schwere oder gar tödliche Verletzung zu verhindern, zumal bei einer Kollision mit einem Pkw große Kräfte auftreten.

Nach dem tragischen Vorfall, der gesamtgesellschaftlichen Trauerverarbeitung und der emotional geführten Debatte sollte nun wieder zur Sachlichkeit zurückgekehrt werden.

Der Transport von Kindern im Fahrradanhänger ist nicht gefährlicher als das selbständige Fahren von Kindern mit dem Fahrrad im Straßenverkehr.

 

Tragischer Vorfall und dramatisches Einzelereignis

Eine zentrale Erkenntnis in der Unfallforschung ist, dass noch so gute technische Sicherheitseinrichtungen und gesetzliche Regelungen nicht jede tödliche Verletzung verhindern können. Ein Unfallereignis ist letztlich ein multikausales Geschehen, bei der viele Faktoren in einer größeren oder geringeren Gewichtung zusammenwirken. Nebst Unfallereignissen, die nach Unfallanalysen und Risikoforschung mit generellen Maßnahmen oftmals recht einfach verhinderbar sind, wird es auch immer Einzelereignisse geben, welche auch durch das beste Risk Assessment nur schwer durch Maßnahmen im Vorfeld verhindert werden können.

 

Analyse der Fakten ist gefordert

Die aktuell entbrannte Diskussion, dass der Fahrradanhänger unsicher sei, weil er keine Knautschzone habe, auch ein Radhelm die Leben beider Kinder nicht gerettet hätte und die Forderungen nach einem gesetzlichen Mindestabstand beim Überholen oder Tempo 80 den tödlichen Ausgang verhindert hätten, sind Inhalte, die leider nichts mehr mit dem konkreten Unfallereignis zu tun haben. Um den konkreten Unfall beurteilen zu können, bedarf es der Fakten der polizeilichen Aufnahme vor Ort und der medizinischen Analyse.

 

Tödliche Unfälle in Österreich

Jedes Unfallereignis wie dieses ist für die Einzelperson immer eine dramatische Belastung. Um jedoch die Fakten richtig einordnen zu können, bedarf es nun einer wissenschaftlichen Betrachtung, die einen emotionsfreien und ungetrübten Blick auf die Sachlage ermöglicht.

Im Zeitraum 2000 bis 2018 sind in Österreich 708 Kinder im Alter 0 bis 14 Jahre nach einem Unfall verstorben. Davon waren 305 tote Kinder (=43%) im Straßenverkehr (Mitfahrer im Auto n=151 / 49%, Radfahrer n=26 / 9% und Fußgänger n=98 / 32%, Sonstiges 10%) zu beklagen.

 

Fahrradanhänger und Unfälle

Eine Analyse der Unfälle mit den drei Möglichkeiten des Transportes von Kindern mittels Fahrrads
– nämlich mit dem Fahrradsitz, mit dem Lastenrad und dem Fahrradanhänger – durch das FORSCHUNGSZENTRUM FÜR KINDERUNFÄLLE zeigt:

Im Zeitraum von 2004 bis 2018 wurden an der Kinder- und Jugendchirurgie Graz insgesamt 19 verletzte Kinder nach Unfällen mit obig genannten Transportmöglichkeiten behandelt:

  • 11 mal saßen die Kinder im Fahrradkindersitz, 7 mal in einem Fahrradanhänger und 1 mal im Lastenrad.

Unter all diesen Unfällen gab es einen einzigen Verkehrsunfall:  ein anderer Radfahrer rammte das Fahrrad mit dem Kind im Fahrradsitz.

 

Das Unfallgeschehen im Detail

Um zu verdeutlichen, wie die Unfälle zustanden gekommen sind, wurden im FORSCHUNGSZENTRUM FÜR KINDERUNFÄLLE natürlich auch die Details des Unfallgeschehens analysiert:

 

  • Unfallmuster beim Fahrradanhänger (7 Unfälle):
    • 4x Umkippen des Fahrradanhängers durch zu wildes Kurvenfahren
    • 2x Sturz des Kindes im Fahrradanhänger beim Hinsetzen bzw. Aufstehen
    • 1x Sturz aus dem Fahrradanhänger beim Heraussteigen
  • Darunter gab es keine schwere Verletzung!

 

  • Unfallmuster beim Fahrradkindersitz (11 Unfälle):
    • 3x Einzelsturz beim Radfahren
    • 3x kam ein Kind mit dem Fuß in die Radspeiche
    • 2x Umstürzen des Fahrrads beim Hineinsetzen / Herausnehmen des Kindes
    • 1x mal stürzte das Kind aus dem Sitz
    • 1x Verletzung der Hand an einem Zaun beim Hinausstrecken während der Fahrt
    • 1x Verkehrsunfall: Kollision mit anderem Fahrradfahrer
  • Darunter gab es 2 schwere Verletzungen, nämlich den Bruch eines Unterarms und eine Gehirnerschütterung.

 

  • Unfallmuster mit dem Lastenrad (1 Unfall)
    • 1x mal stürzte das Kind aus dem Sitz
  • Dabei gab es keine schwere Verletzung!

 

Gesamteinordnung des Unfallgeschehens

Im Zeitraum von 2004 bis 2018 wurden an der Kinder- und Jugendchirurgie Graz 19 Kinder nach einem Unfallgeschehen beim Transport mit dem Fahrrad behandelt.

Im Vergleich wurden im selben 15jährigen Zeitraum in der gleichen Altersgruppe der Kinder- und Jugendchirurgie Graz knapp 100.000 Kinder nach anderen Unfällen behandelt. Unfälle durch einen Fahrradtransport von Kindern weisen bei den behandelten Kindern letztlich einen Anteil von 0,02% auf.

 

Vorsicht JA – Angst NEIN

Leider gab es diesen dramatischen und traurigen Vorfall, dennoch besteht kein Grund, die Mitnahmemöglichkeiten der Kinder am Fahrrad zu verteufeln oder gar zu verbieten.

 

SicherheitsTIPPS für Eltern

  • Machen Sie sich grundsätzlich mit dem speziellen Fahrradtyp vertraut. Das Fahrverhalten von einem Fahrrad mit Kindersitz, einem zwei- oder dreirädrigen Lastenfahrrad und einem Fahrrad im Gespann ist unterschiedlich zum Fahren mit dem eigentlichen Fahrrad.
  • Bedenken Sie, dass sich in Abhängigkeit von der Transportvariante das Fahrverhalten verändert.
    • Bewegungen des Kindes können Sie aus dem Gleichgewicht bringen, Ihr Fahrverhalten wird instabil.
    • Sie können durch das zusätzliche Gewicht nicht so rasch beschleunigen! Bedenken Sie das beim Überqueren von Straßen.
    • Mehr Gewicht bedeutet letztlich auch einen längeren Bremsweg.
  • Planen Sie Ihren Weg (vor allem bei Radtouren, ob es mit Anhänger bewältigbar ist) und vermeiden Sie nach Möglichkeit Hauptverkehrsstraßen.
  • Verwenden Sie die Schutzmöglichkeiten
    • Tragen Sie und Ihr Kind einen Helm
    • Schließen Sie das Gurtsystem
  • Achten Sie beim Kauf auf Qualität. Dies heißt in diesem Kontext, dass Modelle des höheren Preissegments zu bevorzugen sind.
  • Sichtbarkeit ist alles: Denken Sie an die entsprechende Beleuchtung, an Rückstrahler und Fahrradwimpel.