Sport und Freizeit, Verkehr

Wie spiegeln sich Helmtragequoten in Verletzungsmustern wider? – Analyse

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Eine Analyse des Effektes vom Helmtragen auf die Kopfverletzungen bei 5 bis 15jährigen beim Radfahren und im Wintersport

 

Unfälle im Freizeit- und Sportbereich stellen bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 5 und 15 Jahren die häufigste Verletzungsursache dar. Als vorrangige Präventivmaßnahme zur Vermeidung von Verletzungen kann nur eine persönliche Schutzausrüstung empfohlen werden, was bei Geschwindigkeitssportarten wie Radfahren bzw. Schifahren und Snowboarden vor allem der Helm ist.

In Österreich gibt es die Tragepflicht für Schihelme bis zum 15. Lebensjahr seit dem Jahr 2010 und seit dem Jahr 2011 diese für Radhelme bis zum 12. Geburtstag. Beide Gesetze sind jedoch von keinem Enforcement begleitet. Ist das Radhelmtragegesetz ein Bundesgesetz (StVO), so handelt es sich bei Schihelmtragegesetz um einen Vorschlag der Landeshauptleutekonferenz, was heißt, dass jedes Bundesland ein solches Gesetz für sein Territorium erlassen kann. Vorarlberg und Tirol schlossen sich der Umsetzung nicht an.

Eine Beobachtungsstudie im Jahr 2012 des Kuratoriums für Verkehrssicherheit KfV fand rund 86% Helmträger in der vom Radfahr-Helmpflicht betroffenen Gruppe der bis 11jährigen. Eine Erhebung der „Initiative Sichere Gemeinden“ in Vorarlberg kam in der Saison 2012/13 auf eine Quote von 85% bei den bis 15jährigen Pistensportlern. In unseren klinischen Daten von verunfallten Sportlern konnten wir einen signifikanten Unterschied bei der Tragebereitschaft sehen: beim Pistensport liegt die Helmtragequote bei 48% und beim Radfahren bei 30%. Im Durchschnitt tragen 40% der Mädchen und 36% der Burschen einen Helm (p=,058). Eine Differenzierung nach Sportart zeigt, dass vor allem beim Radfahren das Tragebewusstsein bei den Mädchen besser ausgeprägt ist. Dieser Datenunterschied von Beobachtungsstudien und klinischen Studien lässt sich damit begründen, dass im klinischen Bereich mehr verletzte Kinder gesehen werden, die eben keine Schutzausrüstung getragen haben. Viele Kinder, die vielleicht gestürzt sind und bei denen der Helm eine schwerwiegende Verletzung vermieden hat, werden somit von der Krankenhausstatistik nicht erfasst.
Eine eigene Befragung bei Kindern und Jugendlichen kam zum Ergebnis, dass beim Radfahren ist der Helm Ausdruck dafür, dass man noch nicht so gut Radfahren kann. Erst in Zusammenhang mit sportlichem Radfahren wie Mountainbiken und Stunts im Funpark ist ein Helm Ausdruck von Sportlichkeit und gutem Fahrkönnen. Der Wintersporthelm hingegen gehört als Ausrüstungsgegenstand zum Gesamtkonzept dazu. Sein Image kann als „cool“ beschrieben werden. Im Gegensatz zum Radfahrhelm unterstreicht der Schihelm das gute Fahrkönnen des Sportlers.

Die Schutzwirkung eines Radfahrhelmes wird immer wieder diskutiert, obwohl Forschungsarbeiten bereits seit den 1990er Jahren eindeutig diese nachweisen. Die Basisuntersuchungen wurden von Thompson und Rivara vor knapp 25 Jahren durchgeführt. Auch die Wirkung des Wintersporthelms fürs Schifahren und Snowboarden wird in internationalen Studien positiv unterstrichen. Bei beiden Verwendungsbereichen wird jedoch das Reduktionspotential für Kopfverletzungen immer wieder diskutiert. In diesen Studien wird auch darauf eingegangen, dass man bei der Verwendung eines Helmes nicht feststellen kann, dass die „Risk Compensation Theory” zum Tragen käme. Detto wurde festgestellt, dass die Nicht-Helmträger sehr oft zu den Draufgängern in der entsprechenden Sportart zählen, was auch eine Erklärung dafür ist, dass wir in unseren Krankenhausdaten eine geringere Anzahl an Helmträgern finden als bei Beobachtungsstudien in den verschiedenen Settings.

Für diese vorliegende Studie wurde auf die Unfalldatenbank der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz zurückgegriffen. Im Zeitraum von 2008 bis 2012 wurden an der Kinder- und Jugendchirurgie insgesamt 1.575 Patienten im Alter zwischen 5 und 15 nach einem Radunfall (n=873) bzw. einem Sturz beim Schifahren/Snowboarden (n=702) behandelt und in der Unfalldatenbank erfasst. Bei den verletzten Körperregionen zeigt eine Differenzierung nach den Sportarten, dass häufiger beim Radfahren der Kopf und beim Pistensport die untere Extremität (v.a. das Knie) von einer Verletzung betroffen ist. Bei der Verletzungsschwere finden wir im Pistensport mit 49% signifikant häufiger schwere Verletzungen.
Von den verunfallten Radfahrern erlitten 241 (27,6%) eine Verletzung des Kopfes, bei den Pistensportlern waren es 45 (6,4%). Differenziert man den Kopf in die Bereiche „Schädel“ im Sinne der durch einen Helm schützbaren Kopfregion und „Gesicht“, so findet sich eine ziemlich gleich große Aufteilung. Diese 146 Verletzungen des Schädels (51% der Kopfverletzungen) gliedern sich hauptsächlich in Commotiones und Contusiones. Innerhalb der Nicht-Helmträger finden wir signifikant häufiger die schwere Verletzung der Commotio, was bei den Helmträgern nicht der Fall ist. Beim Vergleich der Tragegruppen fällt auf, dass sowohl die Commotio als auch die Contusio signifikant häufiger bei den Nicht-Helmträgern zu finden sind. Somit kann man daraus folgern, dass ein Helm beim Sport schwere Schädelverletzungen verhindert. Das vorselektionierte Krankengut der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie wurde letztlich auf die Gesamtpopulation hochgerechnet. Dies war notwendig, um auch diejenigen zu erfassen, die nach einem Sturz nicht ins Krankenhaus kommen, da sie durch den Helm geschützt waren.
So können wir letztlich sagen, dass ein Kind (5-15 Jahre), das beim Radfahren ohne Helm stürzt, einem 3,5 fach höherem Risiko für eine Kopfverletzung ausgesetzt ist. Differenziert man nach den beiden Altersgruppen „bis 11 Jahre“ und „ab 12 Jahre“, so sieht man, dass in der jüngeren Gruppe der Effekt noch größer ist: hier liegt das Risiko bei 8,60; hingegen bei der älteren Gruppe bei 2,27.
Beim Schifahren muss man zwischen den beiden Fortbewegungsarten „Schifahren“ und „Snowboarden“ unterscheiden. Liegt das erhöhte Risiko ohne Helm beim Schifahren bei 1,71, so finden wir beim Snowboarden eines von 4,30.