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Kinderunfall-Report 2016

Getagged in: Kindersicherheit, Kinderunfälle, Kinderunfallvermeidung, Unfallprävention, Unfallzahlen

Dr. Peter Spitzer und Univ.-Prof. Dr. Holger Till

Zusammenfassung

(vollständiger Report zum Download links)

Eine Erfassung von Unfällen erfolgt in Österreich in verschiedenen Systemen und Datenbanken, die leider nicht verknüpft werden können. Je nach Interesse und Schwerpunkt der tragenden oder durchführenden Organisation ist die Information, die daraus gewonnen werden kann, in der Datentiefe unterschiedlich und auf bestimmte Zielgruppen reduziert. Bis dato konnten mit der Todesursachenstatistik der Statistik Austria, der Arbeits- und Schulunfallstatistik der AUVA und der Verkehrsunfallstatistik des BMI und KFV für ganz Österreich nur Teilaspekte des Unfallgeschehens qualitativ dargestellt werden.
Die IDB Austria, die vom KFV betrieben wird, ermöglicht Hochrechnungen zum österreichweiten Unfallgeschehen auf Basis von zufällig ausgewählten, strukturierten Interviews, die in ausgewählten Ambulanzen österreichischer Spitäler durchgeführt werden.
Die Steirische Unfalldatenbank, das sogenannte „Styrian Injury Suveillance System“ (StISS), welche ein integrativer Bestandteil des medizinischen Dokumentationssystems der steirischen KAGes-Spitäler ist, ermöglicht nun erstmals eine detaillierte Vollerfassung des Unfallgeschehens in einem österreichischen Bundesland. Es bietet in unterschiedlichen Qualitätsstufen Einblicke in das Unfallgeschehen für alle Altersgruppen steiermarkweit und kann über Metaprogrammierungen Unfallarten herausfiltern. Nebst einer regionalen Analyse der Unfälle, mit darauf abgestimmten Präventionsmaßnahmen und letztlich erzielter Kostenersparnis durch verhinderte Unfälle ist der Effekt vor allem in einer Erhöhung der Qualität im Sinne eines gesunden und unfallreduzierten Lebensraumes zu sehen.

Diese Datenbank wird vom Forschungszentrum für Kinderunfälle, welches als externe Forschungsinstitution an die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie Graz angegliedert ist, betreut. Das Forschungszentrum für Kinderunfälle ist ein Kompetenzzentrum auf dem Gebiet der Erforschung von Ursachen für Kinderunfälle. Es ist auf wissenschaftlicher Ebene mit allen relevanten Disziplinen bzw. Abteilungen innerhalb des Universitätsklinikums Graz vernetzt und unterstützt auf nationaler und internationaler Ebene die Präventionsarbeit mit Erkenntnissen aus seiner vielfältigen Forschungsarbeit.

Ziel dieser vorliegenden Studie „Kindersicherheit in Österreich – Report 2016“ ist die nummerische und qualitative Analyse von Kinderunfällen für Österreich. Die Grundlage fürdiese Berechnung bilden die im StISS erfassten Verletzungen auf Basis der steirischen Wohnbevölkerung, welche in allen Krankenhäusern des Bundeslandes Steiermark nach einem Unfallereignis medizinisch behandelt werden.
Die Auswertungen und Analysen ermöglichen eine genaue Berechnung der verschiedenen Verletzungsraten und einen differenzierten Blick auf Versorgungsart und Verletzungsschwere in Abhängigkeit von persönlichen und geografischen Parametern.

Die steirischen Spitäler behandeln pro Jahr rund 180.000 Personen, die sich aufgrund eines Unfalls verletzt haben. Darunter sind etwa 30.000 Kinder bis zum vollendeten 14. Lebensjahr. Eine strukturierte Analyse dieser Krankheitsakten ermöglicht es, Unfallursachen herauszuarbeiten und gezielte Präventionsarbeit zu leisten. Die Vollerfassung der Unfälle der steirischen Bevölkerung, einer Population von rund 1,2 Millionen Menschen, stellt einen Riesenschritt in der Unfallforschung und -analyse dar und sucht weltweit ihresgleichen.

Pro Jahr versterben rund 83.000 Personen in Österreich. Darin macht der Unfall einen Anteil von 3% aus. Ein Blick zurück auf die Todesrate zeigt, dass im Jahr 1983 noch 4.812 Personen nach einem Unfall in Österreich verstorben sind. 2015 waren es nur mehr 2.632. Dies bedeutet mit einem Rückgang von 45% absolut bzw. 52% relativ letztlich eine Halbierung der nach einem Unfall verstorbenen Personen in diesem Zeitraum.

Eine Betrachtung der kindlichen Altersgruppe 1 bis 14 zeigt, dass der Unfall an zweiter Stelle nach den bösartigen Neubildungen steht – also letztlich an erster Stelle der in diesem Alter am leichtesten beeinflussbaren Todesursachen. Ein Vergleich der beiden Jahre 1996 und 2015 lässt erkennen, dass dauerhafte, intensive und effektive Unfallverhütungsarbeit ihre Früchte zeigt. Der Prozentanteil hat sich in diesen 20 Jahren von 38% auf 20% beinahe halbiert. Dieser „Verlust“ des Spitzenplatzes von der Todesursache „Unfall“ bedeutet jetzt aber nicht, dass die Arbeit getan oder die Ressourcen in andere Bereiche verlagert werden können, sondern, dass eine Reduktion der Bemühungen einen abermaligen Anstieg zur Folge haben wird.

Im Jahr 1983 verstarben noch 198 Kinder nach einem Unfall, derzeit schwanken die Absolutzahlen zwischen 20 und 25 im Jahr. Die Death Rate ist in diesem Zeitraum um 85% zurückgegangen, nämlich von 13,1 im Jahr 1983 auf 1,9 im Jahr 2015. Dieser starke Rückgang ist sowohl auf bessere Präventionsarbeit in Österreich, bessere technische Maßnahmen und Standards (Kindersitz im Auto, Helm), aber auch auf eine bessere
medizinische Versorgungskette (Notarztsystem, Hubschrauberversorgung) zurückzuführen. In einem Vergleich mit den Nachbarländern Deutschland und Schweiz befinden wir uns
ungefähr auf dem gleichen Niveau.

Bei der prozentuellen Verteilung nach Altersgruppe zeigen die 0 bis 4-jährigen die höchste Mortalität nach einem Unfall, gefolgt von den Ältesten, den 10 bis 14-jährigen. Die mittlere Altersgruppe, welche sich entwicklungsmäßig zwischen Trotz- bzw. Entdeckeralter und Pubertät befindet, weist den geringsten Anteil auf.

Im Zeitraum der letzten 20 Jahren entfielen auf die Kategorie „Verkehr und Transport“ 42% der tödlichen Unfälle. An zweiter Stelle der definierbaren Unfälle folgt „Ertrinken“ mit 16%. Die Bereiche Ertrinken und Verkehr weisen auch die stärkste Veränderung auf, wobei diese leider gegenläufig stattgefunden haben. Beim Verkehr haben sich Kampagnen und verkehrserzieherische Maßnahmen aber nicht so stark auf die verhältnismäßige Anzahl der tödlichen Unfälle ausgewirkt. Beim Ertrinken hingegen zeigt sich sehr gut, dass stetige Kampagnen und Maßnahmen der Bewusstseinsbildung ihre präventive Wirkung nicht verfehlt haben.

Ein Vergleich der österreichischen Bundesländer im Zeitraum 1996-2000 mit 2011-2015 zeigt bei vier Bundesländern einen Anstieg der Ratio zwischen +8% und +95%, bei fünf jedoch einen Rückgang zwischen -7% und -24%. Das Bundesland Steiermark weist nicht nur den stärksten Rückgang auf, sondern hat mit einer Ratio von 0,78 österreichweit auch den niedrigsten Unfallwert. Stellt man die positiven Entwicklungen in so manchen Bundesländern den Aktionen und Tätigkeiten für Unfallverhütung im Allgemeinen und bei Kindern im Speziellen gegenüber, so zeigt sich, dass Maßnahmen und Initiativen einen wirkungsvollen und nachhaltigen Effekt zeigen, vor allem, wenn diese langjährig laufen und keine temporäre Kurzinitiative darstellen.

Laut IDB Austria ereignen sich in Österreich jährlich rund 126.000 Unfälle von Kindern unter15 Jahren. Das entspricht etwa 16% aller Verletzten mit Hauptwohnsitz in Österreich, deren Verletzung in einer Unfallambulanz nachversorgt wurde. Rund 15% dieser verunfallten Kinder mussten stationär aufgenommen werden. Nach der Definition der IDB Austria sind in der Schätzung von 107.000 ambulant behandelten Unfällen jene Unfälle nicht umfasst, die lediglich einmal, d.h. ohne Nachsorgetermin, behandelt wurden. Ein Vergleich mit den StISS Daten zeigt, dass bei Berücksichtigung dieser Einmal-Behandlungen der Anteil der ambulanten Fälle an allen Behandlungsfällen auf 94% ansteigt, was letztlich bedeutet, dass unter Berücksichtigung aller Bagatellbehandlungen auf der Basis einer Injury Rate von 204 /1.000 von rund 240.000 behandelten Kindern, die nach einem Unfallereignis in einem österreichischen Spital versorgt werden, ausgegangen werden muss.

Die Aufnahmestunde im Krankenhaus entspricht dem Aktivitätenzyklus am Tag mit einem Höhepunkt in den Nachmittags- und Abendstunden. Eine Analyse der Unfalltage zeigt am Wochenende den Tiefpunkt. Eine Betrachtung der Unfallmonate zeigt einen kleineren Anteil in den Winter- und Sommermonaten. Im Durchschnitt ist das verletzte Kind 8,30 Jahre alt. Die Mädchen sind etwas jünger als die Burschen, die ambulanten Behandlungen sind etwas älter als die stationären Aufnahmen. Interessant ist auch, dass das verunfallte Kind in der Großstadt jünger ist als am Land. Bei der Altersverteilung kann man mit der ersten Bewegungsphase ab dem 1. Geburtstag einen beginnenden Anstieg im Unfallgeschehen beobachten. Nach einem kleinen Rückgang Ende Kindergarten- bzw. Anfang Volksschulalter gibt es mit der Pubertät ab dem 10. Lebensjahr einen deutlichen Anstieg. Eine differenzierte Betrachtung nach Altersgruppen zeigt deutlich, wo in welchem Alter die Unfallschwerpunkte liegen. In der Altersgruppe der 0 bis 5-jährigen findet sich das „Wohnen“ an erster Stelle. Im Volksschulalter ist die Kategorie „Freizeit/Spiel/Sport“ an vorderster Stelle und findet sich zusätzlich der höchste Prozentanteil beim „Verkehr“. Bei den ältesten sind die Kategorien „Schule“ und „Freizeit/Spiel/Sport“ ganz vorne zu finden.

Differenziert man die Geschlechter, so kann eine Verteilung von 43% Mädchen und 57% Buben festgestellt werden. Je nach Unfallbereich schwanken die anteiligen Werte bei den Buben zwischen 70% bei „Spiel/Sport“ und 44% „Einkaufscenter/Lokale“; die Mädchen hingegen umgekehrt zwischen 30% bei „Spiel/Sport“ und 56% bei „Einkaufscenter/Lokale“.

Die Analyse der Versorgungsart zeigt, dass rund zwei Drittel der PatientInnen nur einmal in der Ambulanz der Klinik vorstellig werden. Dieser große Anteil der Verletzungen kann somit unter die Gruppe der Bagatellverletzungen eingeordnet werden. Ein Drittel der Verletzungen bedingt jedoch, dass die Kinder wiederbestellt oder stationär versorgt werden müssen. Im Gesamten handelt es sich bei mehr als einem Viertel der Verletzungen um Bandrupturen, Frakturen, Verletzungen innerer Organe oder auch um operative Versorgungen, was sich letztlich unter der medizinischen Kategorie einer schweren Verletzung subsumieren lässt. Bei den leichten Verletzungen weist der Kopf mit 41,2% den größten Anteil auf, bei den schweren die oberen Extremitäten mit einem Anteil von 59,8%. Innerhalb der Körperregionen findet sich der größte Anteil der schweren Verletzungen bei den oberen Extremitäten, der geringste beim Kopf. Eine Betrachtung der Verletzungsregion nach Altersgruppen zeigt einen deutlichen Zusammenhang mit der körperlichen Entwicklung auf. Je jünger ein Kind ist, desto häufiger ist der Kopf betroffen. Die Veränderung der Körperproportionen, die Ausbildung der Abwehrreflexe beim Stürzen (Abstützen mit den Oberarmen) und die veränderte Bewegungssituation führen zu einer Verlagerung der verletzen Körperregionen vom Kopf bei den Jüngsten zu den Extremitäten bei den Ältesten. Im Haus/Garten weist die jüngste Altersgruppe mit einem 77%-Anteil an schweren Verletzungen den überhaupt größten Detailwert aus. Dieser Anteil drittelt sich auf 26% bei den Ältesten. Im Freizeitbereich mit Freizeit/Sport steigt hingegen der Anteil von 5% bei den Jüngsten auf 39% an. Auch der Anteil in der Schule steigt von 9% in der Volksschule auf 26% im Sekundar-I-Bereich. Umgekehrt findet sich im Verkehrsbereich im Volksschulalter der größte Anteil an schweren Verletzungen. Im Kindergarten ist bei seinen älteren Besuchern der Anteil an schweren Verletzungen am größten. Der Raufhandel mit schweren Verletzungsfolgen findet sich vor allem bei den Ältesten.

Rund 6% aller verletzten Kinder werden stationär aufgenommen. Mit dem Lebensalter sinkt der Anteil der stationären Aufnahme. So ist der Anteil bei den 10 bis 14-jährigen nur halb sogroß wie bei den 0 bis 4-jährigen. In den Nachtstunden, also zwischen 19 Uhr abends und 6 Uhr früh, ist der prozentuelle Anteil der stationären Aufnahmen im Vergleich zu denTagesstunden doppelt so hoch.

Für die Berechnung der Anzahl der Behinderungen und Invalidität nach einem Unfallgeschehen wurde das medizinische Outcome der Kinder-Intensivstationen in Bezug auf die im selben Zeitraum verstorbenen Kinder in der Steiermark gestellt. Die Analyse des Verhältnisses von schwerer zu leichter Behinderung im Sinne des Unterschiedes von >/< 50% Minderung der Erwerbstätigkeit zeigt, dass man von einem Verhältnis von 1 zu 3 ausgehen muss: auf 1 Kind mit schwerer Behinderung (>50% MdE) kommen 3 Kinder mit einer leichten (<50% MdE), und bedeuten nun, dass auf ein getötetes Kind mindestens ein Kind und maximal zwei Kinder mit schwerer und drei Kinder mit leichter Invalidität kommen.

Die Darstellung der gesamten Analysen als Unfallpyramide führt nun zu folgendem Bild für Österreich (ausgedrückt als „Rate“ auf 100.000 Einwohner 0-14 Jahre):
Tödliche Unfälle 2.0
Invalidität >50% MdE 3.0, <50% MdE 5.0
Stationäre Behandlung 1.300
Unfälle gesamt 20.000