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Projekt “Bedside Counseling – Unfallpräventionsberatung am Krankenbett”

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In Österreich verunfallen jährlich rund 165.000 Kinder bis zum 14. Lebensjahr. Etwa 20 dieser verunfallten Kinder werden so schwer verletzt, dass sie an ihrer Verletzung sterben werden. Diese Zahlen bedeuten, dass im Kindesalter der Unfall die häufigste Todesursache und zweithäufigste Krankheitsursache in Österreich darstellt. Von allen verunfallten Kindern müssen knapp 25.000 in Österreichs Krankenhäusern stationär betreut werden. Die durchschnittliche Behandlungsdauer liegt bei etwa 3 Tagen. Die steirischen Spitäler behandeln pro Jahr etwa 30.000 Kinder bis zum 14. Lebensjahr. Eine strukturierte Erfassung und Analyse der Ursachen ermöglicht es gezielte
Präventionsarbeit zu leisten.
Das Projekt „Kindersicherheitsberatung im Krankenhaus“ ist ein internationales Good Practice Projekt, welches von „Beterem/Safe Kids Israel“, im Jahr 2003 entwickelt wurde. Dieses Projekt verfolgt Ziele auf drei Metaebenen: die Erhebung der genauen Unfallumstände und deren Analyse, Verbesserung des Wissenstandes durch eine dem Alter des Kindes entsprechende Unfallpräventionsberatung sowie die Effektivitätskontrolle der Aufklärungsgespräche. GROSSE SCHÜTZEN KLEINE hat dieses Service für Österreich adaptiert und führte das Projekt in der Zeit von September 2008 bis Oktober 2009 erstmalig an der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie in Graz durch. Das positive Echo und die Erfahrungen aus diesem Pilot führten letztlich zur Fortsetzung des Projektes, wobei diesmal Optimierungsmaßnahmen durchgeführt werden sollten, um den Rahmen für eine allgemeine transferierbare und integrierbare Beratung in jedes Krankenhaus zu schaffen:

  • Datenerfassung in einer strukturierten Datenbank
  • Online-Erfassung am Krankenbett
  • Standardisierte und optimierte Beratungstätigkeit

Die zusammengestellte Datenbank umfasst 3 verschiedene Bereiche:

  • Fragengruppe für die Unfallerhebung
  • Fragengruppe zu Risiko und Sicherheit – eingeschränkt auf 4-12jährige Unfallopfer
  • Fragengruppe zu Lerneffekt und Veränderung beim Follow-Up-Telefonat

 

In einem Zeitraum von September 2014 bis Mai 2015 konnten 272 Personen im Krankenhaus erreicht werden, was rund 30% der möglichen Zielgruppe entspricht. 75 Eltern erklärten sich auch bereit, für das Follow-Up-Gespräch zur Verfügung zu stehen. Beinahe 50% der in diesem Zeitraum behandelten stationären PatientInnen waren unter 6 Jahre alt. Bezogen auf den Altersstatus innerhalb der Familie waren zu 62% die jüngsten Kinder vom Unfallbetroffen. 38% der Kinder kamen aus Graz / Großstadt, 10% aus einer Bezirksstadt und 52% aus dem ländlichen Bereich. Mehr als die Hälfte der behandelten Kinder wohnte in einem Haus. Der aktuelle Unfall, der zu diesem stationären Aufenthalt führte, ereignete sich zu knapp 50% im eigenen Wohnbereich oder Garten. In Summe waren es 60% der Unfälle, die im Zusammenhang mit dem Gehen, Laufen und Herunterfallen standen. Bei mehr als der Hälfte der stationär aufgenommenen Kinder war der Kopf verletzt. Nur 11% der verunfallten Kinder waren zum Unfallzeitpunkt alleine, in 36% der Fälle waren andere Kinder dabei und in insgesamt 53% der Fälle waren Erwachsene anwesend.

Im Fragenkomplex zur Psychologie des Risikos wurden die Ausprägungen von Neugier, Risikobereitschaft, Belohnungsabhängigkeit und Unfallcheckliste analysiert und auch mit den mit den Werten der ursprünglichen Analysestichprobe, welche diesen Fragen zugrunde liegt, verglichen. In allen vier Dimensionen liegen die Werte der vorliegenden Stichprobe unter denen der Analysestichprobe. Dies könnte ein Hinweis auf “vorsichtiges”, eventuell auch sozial erwünschtes Antwortverhalten der Begleitpersonen sein. Des Weiteren wurden auch mögliche Zusammenhänge zwischen dem Alter der Kinder und den Dimensionen Neugier, Risikobereitschaft, Belohnungsabhängigkeit und Unfallcheckliste untersucht. Hierbei konnten keine signifikanten Zusammenhänge gefunden werden. Dies deckt sich mit früheren Resultaten aus der ursprünglichen Analysestichprobe des Inventars. Diese Ergebnisse des psychologischen Teiles zeigen, dass die Begleitpersonen vom Unfall offenbar so stark traumatisiert sind, dass die Sicherheit sehr groß geschrieben wird, und unter diesem Gesamteindruck kein realitätsnahes Alltagsbild abgebildet werden kann. Aus diesem Grund sollte eine psychologische Befragung im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem Unfall überdacht werden, da die Ergebnisse keine speziellen und individuellen Präventionsansätze zulassen. In einem Abstand von 6-8 Wochen zur Beratung im Krankenhaus erfolgte eine kurze Nachbefragung mittels Telefon. 75 Personen konnten dafür gewonnen werden. Am meisten Nachwirkung zeigte der Unfall bei den Eltern. Hier gaben 56% (n=42) an, bei sich Verhaltensveränderungen festgestellt zu haben. Unter den Nennungen wurden „mehr aufpassen“ und „mehr Unfallangst“ am häufigsten erwähnt. Auch bei jedem vierten Kind (n=18) wurde von den Eltern eine Verhaltensänderung angegeben, wobei die Adjektive „vorsichtiger“ und „ängstlicher“ am häufigsten vorkamen.In nur 16% der Haushalte wurden „kindersichere“ Veränderungen vorgenommen, wobei diesvor allem die Haushalte der jüngsten Kinder betraf.

Somit kann man festhalten, dass Veränderungen am zu Hause bei den jüngsten Verunfallern stattfinden und Verhaltensveränderungen vor allem bis zum Volksschulalter zu erwarten sind. Ab Ende des Volksschulalters dürfte der Unfall einen eher geringen Eindruck bei Kind und Elternteil hinterlassen. Aus den gewonnen Erkenntnissen können wir festhalten, dass die Befragung nach dem Unfallgeschehen und die Eingabe in eine direkt an MEDOCS angegliederte Datenbank im Rahmen des Behandlungsvorganges sinnvoll ist. Dadurch können die Unfallangaben mit den medizinischen Daten verknüpft werden und bei einer Auswertung (natürlich im Einklang mit Datenschutzbestimmungen) auch statistisch verknüpft und eingehend analysiert werden. Die Prävention am Krankenbett macht vor allem bei Eltern, die ihr Kind bis zu einem Alter unter 10 Jahren stationär begleiten, Sinn, und hier insbesondere bei Kleinkindern. Denn die Eltern von jungen Kindern werden sehr stark von Schuldvorwürfen geplagt, welche mit einem Gespräch über den Unfall genommen werden können. Zudem sind diese Eltern zu diesem Zeitpunkt sehr aufnahmebereit für Präventionstipps und setzen Maßnahmen zur Unfallverhütung in weiterer Folge auch zu Hause sehr häufig um. Um mit dieser Beratung möglichst viele Eltern von Kleinkindern erreichen zu können, wäre es sinnvoll, dass (ausgewähltes) Pflegepersonal mit diesem Punkt betraut, von GROSSE SCHÜTZEN KLEINE zusätzlich ausgebildet und durativ betreut wird. Es wäre natürlich wünschenswert, dass diese Damen und Herren im Rahmen ihrer Stellen- und Aufgabenbeschreibung diesen Punkt integriert bekämen und dafür definierte Zeiträume im Rahmen ihrer Arbeitszeit zur Verfügung gestellt haben. Denn nur so ist eine möglichst große Reichweite wie letztlich auch ökonomische Umsetzung möglich. Nach unserer Abschätzung auf Basis der vorliegenden Projekterfahrungen ist der Aufwand im Sinne zur Verfügung gestellter Arbeitszeit für den Dienstgeber sehr überschaubar, und das gesundheitsfördernde Krankenhaus hätte eine weitere und besondere extramural wirkende Dienstleistung im Angebot.