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Heuer dramatischer Anstieg der tödlichen Kinderunfälle im Straßenverkehr: GROSSE SCHÜTZEN KLEINE regt neues Konzept für Verkehrserziehung in Österreich an

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Pressemitteilung – 27. August 2019


Die Zahl der Verkehrsunfälle ist in den letzten Jahren kaum gesunken. „Bei den Verkehrsunfällen mit Kindern und insbesondere bei den Schulwegunfällen kann man sogar einen deutlichen Anstieg erkennen“, ist Univ.-Prof. Dr. Holger Till, Präsident des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und Vorstand der Grazer Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie alarmiert. Ein Um- und Neudenken im Gesamtkonzept der Verkehrserziehung und der gesamten Führerscheinausbildung ist dringend notwendig.


Heuer schon zwölf Kinder im Verkehr tödlich verunglückt – im Vorjahr waren es drei

2019 nehmen die tödlichen Kinderunfälle im Straßenverkehr dramatische Ausmaße an. „Waren es 2018 insgesamt drei Kinder, so sind heuer bereits zwölf Kinder im Verkehr tödlich verunfallt. Die Hälfte davon als Fußgänger – also in dem Bereich, in dem der Verkehrserziehung größte Bedeutung zukommt“, betont Till. In der langjährigen Betrachtung schwankt der Anteil der Verkehrsunfälle an allen tödlichen Kinderunfällen zwischen 30 und 60 %. Betrachtet man die Entwicklung der Verkehrsunfallzahlen zwischen 1995 und 2015, so sieht man bei den tödlichen Verkehrsunfällen und bei den tödlichen Unfällen im Nicht-Verkehrsbereich den gleichen Rückgang von rund 70 %. Dieser erfreuliche Rückgang der gesamten tödlichen Unfälle im Straßenverkehr liegt wohl hauptsächlich an der modernen Sicherheitstechnik im Auto und an der besseren Notarztversorgung (Stichwort Hubschrauber), ist vermutlich jedoch kaum auf eine umfassende Ausbildung oder zunehmende Verkehrskompetenz der einzelnen Verkehrsteilnehmer zurückzuführen.

 

Lebenslanges Lernen muss auch in der Verkehrserziehung ankommen

Der Verein GROSSE SCHÜTZEN KLEINE am LKH-Klinikum Graz regt die Entwicklung eines Maßnahmenplans für Verkehrserziehung – vom Volksschulkind bis zum betagten Pkw-Lenker – an. In diesem sollen die wesentlichen Elemente der Verkehrssicherheit besser miteinander  verzahnt sein und in den nächsten Ausbildungsschritten wiederholt, vertieft und erweitert werden.

 

Wesentliche Aspekte eines neuen Maßnahmenplans für Verkehrserziehung sollten sein:

 

  • Lebenslanges Lernen

Im Job ist lebenslanges Lernen längst selbstverständlich geworden – in der Verkehrsmobilität leider noch kaum. Und das, obwohl sich gerade hier andauernd Regeln ändern und neue hinzukommen. Daher wäre es unbedingt notwendig, dass es alle fünf Jahre eine verpflichtende Fortbildung für Führerscheinbesitzer gibt. Inhalte dieser Fortbildung sollten aktuelle Unfallgefahren und die Neuerungen im gesetzlichen Regelwerk sein.

 

  • Fachausbildung auf den pädagogischen Hochschulen

Die Verkehrs- und Sicherheitserziehung sollte als Semesterfach fix in den Ausbildungsplan der Pflichtschullehrer eingebunden sein und ein entsprechendes Stundenausmaß haben. Es reicht nicht aus, dass an der Volksschule Lehrkräfte auf Basis der eigenen Führerschein B-Kenntnisse Verkehrserziehung unterrichten. Peter Spitzer, Generalsekretär von GROSSE SCHÜTZEN KLEINE und Leiter des Forschungszentrums für Kinderunfälle betont: „Wir dürfen die Vermittlung von lebensrettenden Kernkompetenzen nicht dem Zufall überlassen – dem Zufall, ob das Kind in eine Schule geht, in der eine engagierte Lehrkraft an Verkehrs- und Sicherheitserziehung interessiert ist und diese Kompetenz an die Kinder weitergibt, oder nicht“.

 

  • Bildungsloch bei den 10-14-Jährigen

In der Pubertät steigt das Unfallrisiko im Verkehr, wie auch in allen anderen Bereichen, dramatisch an. Jeder zweite Kinderunfall passiert in dieser Altersgruppe. In vielen Schulklassen kommt Verkehrs- und Sicherheitserziehung jedoch kaum bis gar nicht vor. So ist es z.B. unbedingt notwendig, die Inhalte der freiwilligen Radfahrprüfung in der 5. Schulstufe zu wiederholen. Aber auch weitere Themen der Verkehrserziehung benötigen ihren fixen Platz und fachlich ausgebildete Lehrpersonen.

 

  • Mopedfahren – der Mobilitätsalptraum

Die Mopedunfallzahlen bei den 15- und 16-jährigen Jugendlichen bleiben seit Jahren gleich. Problematisch ist nicht nur das mangelnde Regelwissen, sondern auch die Beherrschung des fahrbaren Untersatzes an sich. Zusätzlich bedarf es der Überprüfung und Beurteilung der praktischen Fahrfähigkeiten. Die Ausbildung zum Mopedführerschein ist zu kurz. Sinnvoll wäre

es außerdem, die Mopedausbildung stärker mit der Führerschein B-Ausbildung zu verzahnen. Module, die bereits fürs Mopedfahren wichtig sind, sollten hier intensiver gelehrt und dafür bei der Führerschein B-Ausbildung teilweise angerechnet werden. Till gibt zu bedenken: „Jeder dritte Jugendliche macht den Mopedführerschein, 80 % absolvieren den Pkw-Führerschein. Somit liegt für eine nicht unerhebliche Anzahl an jungen Erwachsenen der letzte Kontakt mit dem Thema Verkehrssicherheit in der 4. Klasse Volksschule (freiwillige Radfahrprüfung) zurück!

 

  • Blick über die Windschutzscheibe hinaus

Die derzeitige Ausbildung zum Führerschein B ist stark auf das reine Fahren mit einem Pkw fokussiert. Gerade in dieser Ausbildungsstufe ist es aber wichtig, den Blick auf alle Verkehrsteilnehmer auszuweiten und in entsprechenden Verkehrssituationen die Vor- und Nachteile, die Stärken und Schwächen der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer als Fußgänger, Radfahrer, Mopedfahrer, Autofahrer oder Lkw-Fahrer stärker zu erarbeiten.

„Das „verkehrsgerechte Kind“ zu formen wird nicht möglich sein, da die psychomotorische Entwicklung den Rahmen vorgibt. Zur Ausbildung eines kindgerechten Verkehrs bedarf es der Verkehrsraumplanung sowie mehr Bewusstsein und Rücksicht von Seiten der erwachsenen Verkehrsteilnehmer. Und dieses Bewusstsein können wir nur schaffen, wenn das kindliche Verhalten explizit und die verkehrssicherheitsrelevanten Vor- und Nachteile jeglicher Art von Mobilität auch Platz in den Führerscheinausbildungen haben“, plädiert Spitzer.

 

Aktuelle Studien zur Verkehrssicherheit bei Kindern vom Forschungszentrum für Kinderunfälle des Vereins GROSSE SCHÜTZEN KLEINE finden Sie unter folgendem Link:

http://grosse-schuetzen-kleine.at/forschungszentrum/publikationen/

 

 

Anzahl Verkehrsunfälle laut Statistik Austria:

Verkehrsunfälle insgesamt / davon tödlich (alle Altersgruppen)

2015                47.845 / 479

2016                48.825 / 432

2017                47.672 / 414

2018                46.934 / 409

 

Verkehrsunfälle Kinder (0-14 J.) insgesamt / davon tödlich

2015                2.600 / 11

2016                2.865 / 7

2017                2.788 / 8

2018                2.890 / 3

 

Schulwegunfälle insgesamt / davon tödlich

2015                473 / 1

2016                571 / 1

2017                509 / 0

2018                610 / 0

 

Mopedunfälle 15-16 J. insgesamt / davon tödlich

2015                2.450 / 4

2016                2.377 / 5

2017                2.303 / 6

2018                2.375 / 5

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